Hinweise auf "weißen Ritter" verdichten sich
Für Angreifer Sanofi wird die Lage zunehmend kompliziert

Die Aufstockung der Offerte für Aventis könnte die Finanzen arg strapazieren. Derweil wird ein Eingreifen von Novartis erwartet.

DÜSSELDORF. Bei der Übernahmeattacke des Pharmakonzerns Sanofi Synthélabo SA auf den größeren Wettbewerber Aventis SA verdichten sich die Hinweise darauf, dass ein „weißer Ritter“ ins Spiel kommen oder der Übernahmeversuch mangels Masse scheitern könnte. So riskiert Sanofi bei einer starken Aufstockung seiner Offerte die Überschuldung. Und Finanzkreise rechnen immer mehr damit, dass sich die Schweizer Novartis AG mit einer eigenen Offerte in den Übernahmekampf einschaltet.

Aus der Umgebung des Novartis-Konzernvorstands in Basel verlautete, ein Interesse der mit rund 7 Mrd. $ Barmitteln ausgestatteten Schweizer an einem Eingreifen in die Übernahmeschlacht sei zumindest plausibel. Die von Vorstandschef Daniel Vasella vorrangig angestrebte Vollübernahme des Konkurrenten Roche AG sei voraussichtlich erst in einigen Jahre realisierbar. So könne man die freien Mittel nutzen, um zwischenzeitlich auf einen weiteren europäischen Pharmakonzern Einfluss zu gewinnen.

Dazu müsste Novartis nicht einmal eine Vollübernahme anpeilen: Auch der vorübergehende Erwerb einer Sperrminorität würde Aventis für jeden anderen Übernehmer zum Risiko machen. Während West-LB- Pharmaanalyst Andreas Theisen Novartis und Aventis einen „sinnvollen Business Fit“ bescheinigt, glaubt Richard Jarvis von der Bank Pictet & Cie, Novartis werde sich mit Aventis vor allem Probleme mit auslaufenden Patenten einbrocken.

Ohnehin liegt durch die Börsenentwicklung der letzten Tage die Sanofi-Offerte unter dem aktuellen Börsenwert von Aventis: Sanofi hatte für je sechs Aventis-Papiere fünf eigene Aktien und 69 Euro in Bar geboten. Das macht eine Nachbesserung zwingend erforderlich. Andernfalls wird sie von der Pariser Börsenaufsicht AMF kaum für annehmbar („recevable“) erklärt werden. Kürzlich hatte die AMF von Sanofi „zusätzliche Informationen“ über die feindliche Offerte verlangt.

Sicherheit, die Attacke zum Erfolg zu führen, hat Sanofi-Boss Jean-François Dehecq angesichts des angeregten Arbitragehandels in beiden Aktien aber nur durch eine Erhöhung der Barkomponente. Analysten zufolge könnte er den Baranteil auf bis zu 130 Euro je sechs Aventis-Papiere aufstocken und damit in die Nähe des von Aventis-Chef Igor Landau geforderten Niveaus kommen. Sanofis Schuldenspielraum wird auf bis zu 20 Mrd. Euro geschätzt. Dann aber wäre der aktuell mit einer Netto-Cash-Position von gut 2,5 Mrd. Euro gesegnete Konzern der Gnade der Rating- Agenturen ausgeliefert, warnen französische Banken.

Womöglich kommt dem Sanofi- Boss dabei Novartis zuvor, wenn auch nicht als „weißer Ritter“, sondern als schwarzer. Denn so bald Sanofi sich finanziell zu übernehmen droht, wird die Gruppe selbst zum Übernahmeziel. Zudem verlöre sie den Rückhalt des verkaufswilligen Großaktionärs Total SA (24,5 %) und der Milliardärsfamilie Bettencourt hinter Aktionär L’Oréal (19,5 %). Sie hatte der Attacke nur zögernd zugestimmt und käme für einen Partnerwechsel in Frage.

So könnte Novartis auch mit einer Offerte für Sanofi in die Übernahmeschlacht eingreifen. Auch hier würde der Erwerb eines größeren Pakets ausreichen, der Aventis- Übernahme den Garaus zu machen. Denn die Sanofi-Offerte ist an das Plazet der Aktionäre gebunden. „Wenn Sie sich die Kombinationen anschauen, dann würde Sanofi für Novartis mehr Sinn ergeben“, sagt ein Hedge-Fonds-Manager. Dass der Sanofi-Kurs in den letzten Tagen wieder angezogen hat, kann als Beleg gelten, dass dieses Szenario an der Börse Anhänger gewinnt.

Unterdessen scheint der politische Streit um von der Fusion angeblich bedrohte 12 000 Stellen bei Aventis entschärft. Frankreichs Finanzminister Francis Mer versicherte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement in einem Telefonat, es gebe keinen Grund zu glauben, dass die „großartigen Forschungslabore in Hessen“ bedroht seien. Aventis hat nach eigenen Angaben seit 1999 rund 1 Mrd. Euro in den Pharmastandort Frankfurt gesteckt.

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