Historie
Opel: Eine Marke wie eine Diva

80 Jahre nach der Übernahme durch General Motors ist Opel in die schlimmsten Wirren seiner Unternehmenshistorie geraten. Erst die teilweise Trennung von GM, dann monatelange Verhandlungen und nun sieht es so aus, dass Opel doch bei GM bleibt. Es neues Kapitel in der unglückseligen Familiengeschichte.
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DÜSSELDORF. Der tollkühne Herr Ingenieur weiß, wie man einen großen Auftritt inszeniert. In weißer Hose und blauer Lederjacke ist er unter den 3000 Schaulustigen unübersehbar. Um kurz nach zehn Uhr morgens zieht er das weiße Tuch von seiner Sensation und enthüllt eine schwarze Zigarre mit vier Rädern und zwei Stummelflügeln. Fünf Meter lang ist sie, mit 24 Auspuffrohren. "Opel Rak 2" steht in weißen Lettern auf dem Geschoss.

Das hier, glaubt der 29-jährige Fritz von Opel, ist die Zukunft. Er lässt sein Gefährt mit 24 Raketen laden, verbindet die Zündkabel und setzt sich hinters Steuer. "120 Kilogramm Sprengstoff im Rücken, genug für ein ganzes Häuserviertel", denkt er noch. Dann ruft jemand "Bahn frei!", und Fritz von Opel zündet die erste Rakete.

23 Zündungen später saust der Düsen-Opel mit 238 Stundenkilometern über die Rennstrecke Avus in Berlin. Weltrekord. "Seitwärts verschwindet alles. Ich sehe nur noch das große Band der Bahn vor mir", sagt Fritz von Opel später. "Die Beschleunigung ist ein Rausch. Ich überlege nicht mehr. Ich handle nur noch im Unterbewusstsein. Hinter mir das Rasen der unbändigen Kräfte." Als Fritz von Opel nach seinem drei Minuten langen Ritt auf der Rakete zurück zur Tribüne kommt, jubeln ihm auch Boxer Max Schmeling, Filmstar Lilian Harvey und Dichter Joachim Ringelnatz zu. Fritz von Opels Vision scheint nicht mehr fern zu sein: erst Raketenautos - und dann bald schon per Raumschiff ins All.

An jenem 23. Mai 1928 erlebt die Marke Opel vielleicht den Höhepunkt ihrer Geschichte. Mit 44 Prozent Marktanteil ist das Unternehmen aus Rüsselsheim nicht nur Deutschlands größter Autobauer im Land. Opel lässt die Deutschen träumen.

Zehn Monate später verkaufen die beiden Söhne des Firmengründers, Fritz' Vater Wilhelm und Friedrich von Opel, ihre Firma an General Motors. Amerikanischer Pragmatismus regiert von nun an bei Opel. Profit statt Promis, Rendite statt Raketen. Der Ausverkauf des urdeutschen Unternehmens, nur wenige Monate bevor die Weltwirtschaftskrise zuschlägt, mutete damals wie ein nationales Unglück an, hatte doch der Name Opel einen Klang wie Krupp oder Siemens.

80 Jahre lang wächst Opel unter dem Dach des weltgrößten Autokonzerns, aber so glanzvoll zu gedeihen wie weiland auf der Avus, das gelingt der Firma nur noch selten. Mercedes, BMW und Porsche zimmern aus dem Konstrukteursstolz eines Fritz von Opel automobile Weltlegenden "made in Germany", Opel ward die Abteilung eines US-Konzerns, dem Masse stets vor Klasse ging. Im November 2008 ist es gar so weit, dass deutsche Politiker die Tochter Opel vor ihrer US-Mutter bewahren müssen. Dieser setzen die Folgen der Finanzkrise zu. Eine Staatsbürgschaft soll Opel nun retten.

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