Hochtief wehrt sich weiter
Verzweifelter Poker um die Unabhängigkeit

Den spanischen Bauriesen ACS drücken Nettofinanzschulden in Milliardenhöhe, und trotzdem haben die Spanier jetzt gute Karten, Hochtief zu übernehmen - und alle Abwehrversuche des deutschen Baukonzerns sind gescheitert. Eine Analyse.
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DÜSSELDORF. ACS-Chef Florentino Peréz hat das strahlende Lächeln des Siegers aufgesetzt. Schon vor Beginn der heutigen außerordentlichen Hauptversammlung des spanischen Baukonzerns war das Ergebnis absehbar. Das ermöglicht den Spaniern, das freiwillige Übernahmeangebot für Hochtief zu stemmen.

Peréz will die Kontrolle über den größten deutschen Baukonzern, an dem er jetzt schon mit knapp 30 Prozent beteiligt ist – und das dürfte dem ACS-Chef auch gelingen.

Zwei Monate lang hat Hochtief mit seinen für die Verteidigung engagierten Beratern von Credit Suisse, Goldman Sachs und Deutscher Bank versucht, die Übernahmeofferte abzuwehren – ohne Erfolg. Dabei ist ACS kein übermächtiger Gegner, aber die Spanier operieren clever und gerissen, obwohl sie eigentlich klamm sind.

Den Konzern drücken Nettofinanzschulden von mehr als neun Mrd. Euro, und die Chancen, weiteres Geld an den Kapitalmärkten aufzunehmen, sind bescheiden. Deshalb bietet Perez den Aktionären auch kein Bargeld, sondern Aktien. Für fünf Hochtief-Anteile sollen sie acht ACS-Aktien erhalten. Es ist ein schlechter Tausch. Beim derzeitigen Aktienkurs würden tauschwillige Aktionäre einen Verlust von 6,7 Prozent machen.

Kaum jemand würde also tauschen. Peréz ist das nur recht. Er will seinen Anteil von derzeit 29,98 Prozent an dem Unternehmen nur auf über 30 Prozent erhöhen, dazu braucht er 14 000 Aktien. Hat er diese Schwelle mit den freiwilligen Angebot überschritten, entfällt nach deutschen Recht das sonst übliche Pflichtangebot. Perez kann also in aller Ruhe weitere Anteile kaufen – und zwar immer dann, wenn der Aktienkurs wieder gefallen ist. Billiger kann man eine Firma nicht übernehmen.

Abwehrstrategien sind gescheitert

Eigentlich sollte die offizielle Offerte bereits am 14. Oktober bei der deutschen Wertpapieraufsicht BaFin vorliegen. Doch die Behörde bestand darauf, dass ACS die Voraussetzung dafür schafft, dass theoretisch alle Hochtief-Aktionäre ihre Aktien tauschen können. Deshalb sollten die ACS-Aktionäre heute auf der Hauptversammlung ihren Vorstand ermächtigen, bis zu 157 Mio. neue Aktien auszugeben.

Jetzt steht dem Angebot nichts mehr im Wege. Denn alle bisherigen Abwehrstrategien des Essener Konzerns sind gescheitert.

Zum Beispiel die Versuche, ACS zu einer separaten Kaufofferte für die australische Hochtief-Tochter Leighton zu zwingen, die an der Börse fast doppelt so hoch bewertet wird wie Hochtief selbst. Der Zwang, für Leighton separat bieten zu müssen, hätte ACS finanziell überfordert. Doch die australischen Behörden, die von Hochtief angerufen wurden, wollten davon nichts wissen.

Auch von politischer Seite erhielt der Konzern kaum Rückendeckung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält nichts von einer Änderung des deutschen Übernahmerechts zugunsten von Hochtief. Was Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter enttäuscht.

Berlin müsse doch ein Interesse daran haben, „dass die deutsche Bauindustrie international wettbewerbsfähig bleibt“, sagte Lütkestratkötter zu Beginn der Abwehrschlacht. Zweimal reiste er ins Kanzleramt zu Merkels Wirtschaftsberater Jens Weidmann. Auch mit Volker Kauder, dem Vorsitzenden des CDU/CSU-Bundestagsfraktion, traf er sich. Doch die Politik blieb untätig.

Zwar alarmierte der Auftritt von Sigmar Gabriel in der Hochtief-Zentrale am 14. Oktober die Regierungs-Koalition: Der SPD-Chef hatte auf einer Betriebsversammlung eine Verschärfung des deutschen Übernahmerechts gefordert, um zu verhindern, dass sich ein hochverschuldetes Unternehmen wie ACS auf Kosten einer kerngesunden Firma wie Hochtief saniert.

Daraufhin schlug sich Merkel auf die Seite von Hochtief – allerdings nur für ein Wochenende. Am Freitag nach Gabriels Auftritt in Essen hatte die Bundeskanzlerin signalisiert, den größten deutschen Baukonzern unterstützen zu wollen. Bereits am folgenden Montag war davon keine Rede mehr.

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