Hohe Verluste
Thyssen-Krupp zieht personelle Konsequenzen nach Amerika-Schock

Rund 1,8 Milliarden Euro Verlust schreibt der Stahlkonzern im abgelaufenen Geschäftsjahr. Das Unternehmen macht hohe Abschreibungen dafür verantwortlich. Vor allem das Stahlwerk in Brasilien bereitet Sorgen.
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FrankfurtDie Nachricht über den Milliardenverlust des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp schockte die Anleger: Um 5,7 Prozent fielen die Papiere des Unternehmens heute. Der Fehlbetrag belaufe sich auf 1,783 Milliarden Euro, nachdem im Vorjahr noch ein Gewinn von 927 Millionen Euro zu Buche gestanden hatte, teilte der Dax-Konzern mit.

Der Konzern hatte auf die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA Abschreibungen in Höhe von 2,1 Milliarden Euro vorgenommen. Anlass dafür seien der schwächere Markt, aber auch Probleme beim Hochlaufen der Anlage in Brasilien, sagte Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger.

Hinzu kamen Wertberichtigungen von 800 Millionen Euro bei Inoxum (vorher Stainless Global). Dennoch sollen die Aktionäre wie im Vorjahr eine Dividende von 45 Cent je Aktie erhalten.

Das Unternehmen hat derzeit massive Probleme in Südamerika - diese fordern nun erste personelle Opfer. Der für den Bereich zuständige Vorstand Hans Fischer werde das Unternehmen zum Jahresende verlassen, erklärte Konzernchef Heinrich Hiesinger in Essen. Stattdessen solle der für alle Stahlaktivitäten im Unternehmen verantwortliche Vorstand Edwin Eichler nun die Sparte Steel Americas auch direkt steuern. Eichlers Vertrag wurde um fünf Jahre verlängert. Auch auf unteren Ebenen tauschte Thyssen-Krupp mehrere Manager aus und verändert Organisationsstrukturen.

Das Stahlwerk in Brasilien hat sich für den Ruhrkonzern längst zum Milliardengrab entwickelt: Wegen schwerer baulicher Mängel bringt die Kokerei nicht die vorgesehene Leistung. Die alte Führung mit Ekkehard Schulz an der Spitze hat die Probleme bei dem Mammutprojekt immer nur scheibchenweise publik gemacht. In der Öffentlichkeit schuf dies kein Vertrauen. Hiesinger will dieses nun zurückgewinnen, indem er die Karten auf den Tisch legt. Auch im laufenden Geschäftsjahr werde Steel Americas einen „deutlichen“ Verlust ausweisen, sagte er in Essen.

Zwar wird die dritte und letzte Batterie der Kokerei im Frühjahr in Betrieb gehen, rund läuft die Anlage aber nicht. Eine Verbesserung wird es erst geben, wenn die Schäden an der Kokerei und anderen Anlagen behoben sind. Das soll Mitte kommenden Jahres abgeschlossen sein, sagte Stahlvorstand Edwin Eichler.

Die schlechten Nachrichten aus Südamerika sind für Thyssen-Krupp ein herber Rückschlag. Vorstandschef Heinrich Hiesinger war zwar Realist genug, in der Causa keine Versprechungen zu machen. Seine Hoffnungen ruhten aber darauf, dass die Hütte möglichst schnell reibungslos produziert und Geld für die laufende Neuausrichtung in die Kasse spült. Schon seit den ersten Planungen musste das Unternehmen das Investitionsbudget wieder und wieder korrigieren. 5,2 Milliarden Euro kostet die Hütte in Südamerika, hinzu kommen Anlaufkosten von über einer Milliarde Euro.

Hiesinger will Thyssen-Krupp umkrempeln, die Technologie-Sparte mit Investitionen stärken. Wegen der aktuell rund vier Milliarden Euro Schulden ist der Spielraum dafür aber begrenzt. Deshalb ist der Konzernumbau das wichtigste Thema auf dem heutigen Treffen der Aufsichtsräte. Bei den Kontrolleuren ist der Ärger über die neuerliche Verzögerung in Brasilien groß. "Darüber wird man reden müssen", hieß es im Umfeld des Gremiums.

Schon bei der Planung vor sechs Jahren war erbittert über das Projekt gestritten worden. Aus purem Renditedenken hatte die alte Führung um den inzwischen ausgeschiedenen Ekkehard Schulz die chinesische Citic-Gruppe mit dem Bau der Kokerei beauftragt. Der konzerneigene Anlagenbauer Uhde wurde bewusst übergangen. Das Angebot der Chinesen lag mit 270 Millionen Euro um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag unter dem von Uhde. Die Entscheidung für den Billiglieferanten rächte sich bitter. Bereits Anfang 2009 war deutlich geworden, dass die Asiaten "Murks" abgeliefert hatten, wie ein Manager sagte. "Falsche Konstruktion, falsches Material", urteilten Insider.

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Hakt es in einem Bereich, leidet das ganze Werk

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  • Geiz ist geil.

    Nur was das dann kostet, ist eine andere Frage.

  • Manager vom Feinsten. Billig einkaufen wollen und dann doppelt zahlen. Eine Chinesische Firma, die sowas noch nie gebaut hat - ja super. Grundkurs eins, Kapitel eins - das ist Pfui, tut man nicht, ist Geld rausgeschmissen. Quasi unfassbar. Schade das es noch keine private Managerhaftung gibt. Deren Gewinnbeteiligungen wurden sicher nicht sozialisiert, vermutlich müssen wir jetzt aber die negativen Resultate sozialisieren. Wenns nur ums Geld geht vertretbar - aber da hängen auch menschliche Schicksale dran. Vermutlich müssen dafür wieder viele gute Arbeiter auf die Strasse. Obernieten in Nadelstreifen, die nach goldenem Handschlag in der nächsten Firma Arbeitsplätze vernichten dürfen.

  • Diese Nachricht erfreut mich! Reiht sie sich doch ein in so viele Projekte anderer deutscher Unternehmen! Bayer und Deutsche Bank lagerten in den 1990ern IT-Diensleistungen nach Indien aus. Mit der Folge, das Nacharbeiten in Deutschland mehr gekostet haben als eine rein inländische Erstellung. Es gibt viele dieser Beispiele: Dumme Manager lagern nicht nur aus, sondern geben oftmals auch Wissen preis. Ein Spion wird für weniger eingesperrt! Ich will Deutschland und seine Leistungsträger nicht übermäßig loben, aber fakt ist: hier werden von Ingineuren der lokalen Universitäten technische Spitzenleistungen erbracht, und auf der anderen Seite werden UNI-Rankings herausgegeben, in denen deutsche UNIS nicht mal vorkommen!
    Verkehrte Welt? Die kruppschen Manager kamen dann bestimmt von so einer spitzen EliteUni, oder? Man fährt mit Leuten aus Karlsruhe, Aachen oder München besser, behaupte ich mal!

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