Hubschrauber-Joint-Venture soll an Italiener gehen
Finmeccanica greift nach Agusta Westland

Der italienische Finmeccanica- Konzern steht kurz vor einer erheblichen Verstärkung seines Luftfahrtgeschäftes. Er verhandelt mit dem britischen Flugzeug- und Autozulieferer GKN über die vollständige Übernahme des gemeinsamen Hubschrauber-Joint-Ventures Agusta Westland.

and/mab LONDON/MAILAND. Am Mittwoch soll der Verwaltungsrat von Finmeccanica dem Deal zustimmen. Nach Schätzungen von Experten werden die Italiener für den 50%igen Anteil des weltweit zweitgrößten Hubschrauberherstellers zwischen 1,4 und 2 Mrd. Euro ausgeben.

Die dafür erforderlichen Mittel könnten durch den Teilverkauf einer 18%igen Beteiligung am führenden europäischen Chiphersteller ST Microelectronics spielend erlöst werden. Finmeccanica-Chef Francesco Guarguaglini hatte Ende letzten Jahres im Gespräch mit dem Handelsblatt gesagt, dass dieses Paket um die Hälfte reduziert werden könnte, um Zukäufe in den Kerngeschäftsfeldern zu finanzieren. Im vergangenen Jahr hat Agusta Westland mit knapp 9 000 Beschäftigten einen Umsatz von 2,6 Mrd. Euro gemacht und war mit einem Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von 275 Mill. Euro der größte Ertragsbringer der Finmeccanica-Gruppe.

In Großbritannien wurde der anstehende Verkauf mit gemischten Gefühlen aufgenommen. So schlagen die britischen Gewerkschaften Alarm, dass die rund 4 000 Arbeitsplätze in Somerset in ausländischen Händen nicht sicher seien. „Westland hat genau die hochqualifizierten und erfahrenen Beschäftigten, die wir in England behalten müssen“, betont Gewerkschaftsboss Derek Simpson.

Der Verkauf könnte noch für politischen Wirbel in London sorgen, denn die Firma hat eine schwierige Vergangenheit. Pikanter Höhepunkt: 1986 führte die Frage, wie der Hersteller zu retten sei, zum Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Michael Heseltine. Heseltine zerstritt sich darüber mit Premierministerin Margaret Thatcher, die eine Fusion mit dem US-Hersteller Sikorsky wollte. Der Minister bevorzugte dagegen einen europäischen Partner. Am Ende stieg Sikorsky ein, dieser Anteil ging aber später an GKN. Während sich die Politik in London bislang zu dem Thema zurückhält, bewerteten Analysten den Schritt weniger negativ. „Die große Frage ist, was GKN mit dem Geld macht,“ meint ein Investor. Spekuliert wird, dass GKN ein US-Werk zum Bau von Passagierflugzeugen von Boeing kaufen will. Die Briten haben bereits einige Boeing-Standorte übernommen. Der Fokus des Konzerns auf die zivile Luftfahrt wird in England auch als Rückschlag für die eigenen Rüstungsindustrie gesehen. Das Londoner Verteidigungsministerium setzt bei der Vergabe von Großaufträgen zunehmend nicht mehr auf britische Anbieter, sondern achtet mehr auf Preis und Leistung als bisher.

Experten sehen in dem Deal einen weiteren Schritt in der Konsolidierung der Branche. In Europa haben sich Hubschrauber-Hersteller in Frankreich und Deutschland unter dem EADS-Dach zum größten Produzenten Eurocopter zusammengeschlossen. In den USA gibt es noch drei große Anbieter Sikorsky (United Technologies), Boeing und Bell (Textron). Sowohl Finmeccanica als auch Augusta Westland haben enge Kooperationen mit Bell. Die europäischen Spieler erhoffen sich damit einen besseren Zugang zum US-Markt. Dort winkt bald ein lukrativer Großauftrag: Noch vor Jahresende soll eine neue Helikopter-Flotte für den Präsidenten bestellt werden.

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