IAA Nutzfahrzeuge

Neue Spielregeln für die Lkw-Bauer

Die Digitalisierung beschert der Lkw-Branche neue Geschäftsmodelle. Besonders das Autonome Fahren dürfte für zusätzliche Umsätze sorgen. Doch für die Großen der Branche entstehen auch neue, schlagkräftige Rivalen.
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Das Autonomen Fahren dürfte auch zur Stauvermeidung auf den Autobahnen beitragen, weil es mehr Sicherheit geben wird und die Unfallhäufigkeit abnimmt. Quelle: dpa
Lastwagen prägen das Bild auf den Autobahnen

Das Autonomen Fahren dürfte auch zur Stauvermeidung auf den Autobahnen beitragen, weil es mehr Sicherheit geben wird und die Unfallhäufigkeit abnimmt.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDer Nutzfahrzeugbranche stehen glänzende Zeiten bevor. Das glaubt zumindest die Unternehmensberatung McKinsey in einer aktuell vorgestellten Studie. Bis zum Jahr 2025 werde der Umsatz beim Verkauf von Lastwagen mit einem Gewicht von mehr als sechs Tonnen von zuletzt 150 Milliarden Euro auf 240 Milliarden Euro zulegen. Der Gewinn der Branche werde im selben Zeitraum von neun auf etwa 15 Milliarden Euro steigen. Kurz vor dem Start der Lkw-IAA in Hannover sind das gute Nachrichten für die Branche. Die weltgrößte Nutzfahrzeug-Messe beginnt in gut einer Woche.

Die klassischen Hersteller von Lastwagen sollten sich aber nicht zu früh freuen. Ein Großteil des zusätzlichen Geschäftsvolumens stammt nicht aus dem reinen Verkauf der Lkw, sondern aus neuen Technologien wie etwa dem Autonomen Fahren. Die Digitalisierung biete „den Lkw-Herstellern die Chance, sich über das Fahrzeug hinaus mit neuen Geschäftsmodellen zu differenzieren“, betont Andreas Tschiesner, Automobilexperte bei McKinsey.

Noch ist nicht ausgemacht, dass die Lkw-Hersteller von heute wirklich diese zusätzlichen Geschäfte auch tatsächlich für sich verbuchen können. Sie müssen sich der Digitalisierung öffnen und die neuen Geschäftsfelder auch wirklich in den eigenen Unternehmen verankern.

Etablierte Lkw-Hersteller wie Mercedes, MAN und Scania stehen wahrscheinlich vor der größten Herausforderung in ihrer Unternehmensgeschichte. Sie müssen sich den neuen Herausforderungen stellen. Gelingt ihnen das nicht, dann laufen sie Gefahr, dass sie von neuen Konkurrenten wie Tesla oder Google überholt werden. „Gerade die digitalen Wettbewerber agieren viel schneller als ein klassischer Hersteller. Die Lkw-Produzenten müssen Gas geben und ihre Organisation auf schnellere Veränderungszyklen ausrichten“, unterstreicht Romed Kelp, Nutzfahrzeug-Experte bei der Managementberatung Oliver Wyman.

Die Zeit ist reif für einen Elektro-Lkw – zumindest ein bisschen
Maue Aussichten beim Lkw
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Elektroautos sollen die Basis für den Verkehr der Zukunft bilden – so viel ist klar. Ob der Strom dabei aus einer Batterie oder einer Brennstoffzelle kommt, ist zweitrangig. Hauptsache CO2-neutral. Das Problem: Autos stehen nur für einen Teil des Straßenverkehrs. Während bereits einige wenige Elektro-Motorräder und -Roller unterwegs sind, sieht es an einer anderen Front bislang eher mau aus: bei den Lkw.

Mercedes-Benz eTruck
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Mit dem Elektro-Lastwagen zeigte Daimler im Vorfeld der Nutzfahrzeug-IAA, wie man sich einen Elektro-Truck vorstellt – und das in einer seriennahen Form.

Bahn frei für die Elektrifizierung
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„Bislang war der Einsatz von Elektroantrieben im Lkw extrem limitiert. Mittlerweile entwickeln sich Kosten, Leistung und Ladedauer so rasant weiter, dass wir für den Verteilerverkehr jetzt eine Trendwende sehen: Die Zeit ist reif für den Elektro-Lkw“, sagt Daimler-Truck-Vorstand Wolfgang Bernhard. „Mit dem Mercedes-Benz Urban eTruck elektrifizieren wir jetzt den schweren Verteilerverkehr bis 26 Tonnen.“ Zwischenstufen wie Plug-in-Hybride will Bernhard aber auslassen – der Markt für Nutzfahrzeuge unterteile sich klar in die beiden Bereiche Fernverkehr und Verteilerverkehr – für den einen den Diesel, für den anderen der Elektro-Truck. Mischformen wie bei den Pkw-Kollegen gebe es laut Bernhard kaum.

Der Diesel bleibt
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Das Stichwort ist hier Verteilerverkehr: Die Langstrecken-Trucks auf der Autobahn werden also vorerst weiterhin mit Diesel fahren. Hier reichen die Batterien noch nicht aus. Der Urban eTruck bietet bei einer mit dem Diesel vergleichbaren Nutzlast eine Reichweite von bis zu 200 Kilometern bei voller Nutzlast – was laut Daimler für den innerstädtischen Transport ausreicht. „In Städten können Elektro-Lkw in naher Zukunft Realität werden“, sagt Bernhard.

Gegen Dreck und Lärm
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Die Herausforderung: Weltweit ziehen immer mehr Menschen in die Stadt, bis 2050 werden laut der UN 70 Prozent der Weltbevölkerung in Großstädten leben – und müssen entsprechend mit Gütern versorgt werden. Zugleich werden aber die Grenzwerte für Luftqualität und Lärmpegel immer strenger, die Einfahrrestriktionen immer größer. „Metropolen wie London oder Paris erwägen inzwischen, künftig Verbrennungsmotoren aus den Stadtzentren zu verbannen“, so Bernhard. „Das bedeutet: in Zukunft werden dort vollelektrische Lkw die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln oder anderen Gütern des täglichen Bedarfs sicherstellen.“ Oder wie Stefan Buchner, Leiter Mercedes-Benz Trucks hinzufügt: „Dann ist nicht nur der Apfel im Supermarkt bio, sondern auch der Transport dahin.“

Neue Batteriezellen als Durchbruch
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Bis vor Kurzem waren vollelektrische Lastkraftwagen beinahe undenkbar: Die Batterien waren zu groß und zu teuer, die Reichweite viel zu gering. Möglich wird der Elektro-Lkw jetzt durch bessere Batteriezellen: Daimler Trucks erwartet, dass die Kosten für die Batterien eines vollelektrischen Lkw von 1997 bis 2025 um den Faktor 2,5 sinken werden – von 500 Euro/kWh auf 200 Euro/kWh. Gleichzeitig steigt die Leistung in diesem Zeitraum um den gleichen Faktor von 80 Wh/kg auf 200 Wh/kg.

Neuer Antrieb, neue Achse
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Basis für den Urban eTruck bildet ein schwerer dreiachsiger Verteiler-Lkw von Mercedes. Bei der Karosserie ist der eTruck kaum von einem Diesel-Lkw zu unterscheiden – wenn der Aufbau montiert ist. Denn ohne die Transportbox wird das neue Antriebskonzept sichtbar. An die Stelle des konventionellen Antriebsstrangs tritt eine elektrisch angetriebene Hinterachse mit Elektromotoren unmittelbar neben den Radnaben. Die neue Achse wurde abgeleitet aus der E-Achse des Mercedes-Benz Citaro Hybrid Busses.

Für die Autoren der McKinsey-Studie ist die Entwicklung des Autonomen Fahrens der wichtigste Branchentrend. Sie erwarten, dass im Jahr 2025 jedes dritte in Europa verkaufte Nutzfahrzeug in bestimmten Situationen autonom unterwegs sein wird. Selbstständig fahrende Lastwagen werde es vor allem auf den Autobahnen geben, schwieriger werde es im engen Straßengeflecht der Städte. „Damit verändern sich Stück für Stück die Spielregeln der Branche“, glaubt McKinsey-Berater Matthias Kässer.

Lohnkosten fallen weg
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