IG Farben
Das Ende eines Untoten

Das Datum, das ist reiner Zufall“, sagt Otto Bernhardt, 61. Es ist der 10. November 2003, vor genau 65 Jahren brannten die Synagogen. Eben hat der CDU-Bundestagsabgeordnete, im Nebenberuf Liquidator, in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz das bevorstehende Ende der IG Farbenindustrie AG in Abwicklung verkündet.

FRANKFURT. Der Ort der Vorstellung ist symptomatisch: ein leicht heruntergekommenes Bürgerhaus im Frankfurter Norden. Hier leitet Bernhardt das Schlusskapitel von Deutschlands ehedem größtem und berüchtigstem Industriekonzern ein. 78 Jahre nach der Gründung und gut 52 Jahre nach ihrer Zerschlagung ist der IG Farben das Geld ausgegangen. Um 14 Uhr hat Bernhardt beim Frankfurter Amtsgericht den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens eingereicht.

Schuld daran soll ein anderer krisengeschüttelter Konzern sein: die Frankfurter Beteiligungsgesellschaft WCM. Nach Bernhardts Darstellung ist WCM seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber der IG Farben nicht mehr nachgekommen. Jetzt könne man nicht einmal mehr Pensionszahlungen leisten, etwa 6 000 Euro pro Monat (siehe „Die Rolle der WCM“). Mit dem Insolvenzantrag wird nun ein vom Gericht bestellter Insolvenzverwalter die Geschäftsführung der Gesellschaft übernehmen. Die beiden Abwickler, die für ihre Arbeit allein im Jahr 2001 nach Angaben des Bundesanzeigers genau 483 000 DM kassiert haben, können einpacken.

„Wo bleiben die Gelder zur Entschädigung der Opfer?“ Vor dem schäbigen Versammlungshaus in Frankfurt-Dornbusch verteilt eine ältere Frau Handzettel. Sie gehört zu den kritischen Aktionären. Der Verein hat in den vergangenen Jahren kaum eine Hauptversammlung der Gesellschaft ausgelassen, ohne sie zu einem Forum der Anklage zu machen. Auch an diesem Tag geben die Kritiker keine Ruhe: „Von wegen ordnungsgemäße Abwicklung“, ruft einer von ihnen in den Raum, als Liquidator Bernhardt und sein Kollege Volker Pollehn nach Gründen dafür suchen, warum jetzt endgültig Schluss sein soll.

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