IG-Metall
Tarifparteien stellen sich auf die Krise ein

Nach einer Serie hoher Gehaltsabschlüsse etwa im öffentlichen Dienst und bei der Deutschen Bahn kehren mit der Krise inzwischen auch in der Tarifpolitik andere Zeiten ein. Jüngstes Beispiel ist der am Mittwoch erzielte Kompromiss für 80 000 Beschäftigte der Stahlindustrie.

BERLIN. Die IG Metall gibt sich mit moderaten Lohnerhöhungen zufrieden – handelte dafür aber wichtige Regelungen zum Umgang mit Strukturanpassungen in der krisengeschüttelten Branche aus. Neben einer erweiterten Übernahmegarantie für Auszubildende zählt dazu ein gut dotiertes Altersteilzeit-Angebot für ältere Beschäftigte. Zudem soll eine optionale Arbeitszeitverkürzung Personalabbau vermeiden helfen: Per betrieblicher Vereinbarung können Stahlfirmen in der Flaute die Wochenarbeitszeit von 35 bis auf 28 Stunden senken, die Bezahlung entspricht dann 29,75 Stunden. Als generelle Lohnerhöhung ist für 2009 dagegen nur ein Einmalbetrag von 350 Euro vorgesehen; zum 1. Januar 2010 folgt eine dauerhaft wirksame Steigerung um zwei Prozent.

Der Stahl-Kompromiss ist für die IG Metall schon das zweite Tarifergebnis in kurzer Folge, mit dem sie auf harte Krisenumstände reagiert: Für die Beschäftigten der Textil- und Bekleidungsindustrie vereinbarte sie vor drei Wochen einen Tarifvertrag, der zwar im Regelfall Lohnzuwächse von 2,85 Prozent vorsieht, gestreckt über die Zeit bis Februar 2011. Mehrere Differenzierungsklauseln ermöglichen es aber, dass davon in Krisenfällen nur rund 1,4 Prozent umgesetzt werden müssen.

Damit setzt die größte und mächtigste deutsche Gewerkschaft Signale auch für andere Tarifbereiche. „Die Entwicklung zeigt, dass die IG Metall in Anbetracht der Wirtschaftskrise eine Trendwende vollzieht – auch wenn die konkreten Tarifergebnisse branchenspezifisch zu bewerten sind“, sagte Wolfgang Pütz, Vizechef des Bundesverbands Druck und Medien (BVDM) dem Handelsblatt. Pütz ist Verhandlungsführer der Arbeitgeber in der Druckindustrie, für deren 170 000 Beschäftigte heute die Tarifverhandlungen mit Verdi beginnen; die Gewerkschaft fordert dort fünf Prozent mehr Lohn.

Auch das ist im Vergleich zu anderen Tarifbereichen zwar bereits erkennbar moderater. Ob es tatsächlich ebenfalls schon eine „Trendwende“ anzeigt, bezweifeln die Arbeitgeber aber bisher: Zum einen lasse die wirtschaftliche Lage der Druckindustrie eigentlich „gar keinen Verteilungsspielraum“ übrig, sagte Pütz. Zudem nähre die Terminplanung von Verdi den Verdacht, dass es die Gewerkschaft auf Streiks ankommen lassen wolle: Eine zweite Verhandlungsrunde soll es nach aktueller Planung erst am 30. April geben – am 1. Mai endet tarifliche die Friedenspflicht.

Freilich kam die Einigung der Stahlindustrie diesmal auch schon in der zweiten Runde zustande – und das gewissermaßen ebenfalls auf den letzten Drücker: Der alte Tarifvertrag lief in der Nacht zu Mittwoch aus. Zunächst hatte die IG Metall für die Stahlkocher 4,5 Prozent mehr Lohn gefordert – nachdem sie vor Jahr und Tag noch echte Zuwächse von über fünf Prozent erkämpft hatte. Im späteren Jahresverlauf steckte sie in der Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie schon eine Stufe zurück.

Seite 1:

Tarifparteien stellen sich auf die Krise ein

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%