Im Gespräch mit: EnBW-Chef Utz Claassen
„Ich habe keine Freude am Polarisieren“

In wenigen Wochen scheidet Utz Claassen, seit über vier Jahren an der Spitze von Energie Baden-Württemberg, aus seinem Amt aus. Aus seiner künftigen Tätigkeit macht er noch ein Geheimnis. Heute präsentiert er letztmals die Geschäftszahlen der EnBW. Im Handelsblatt-Interview begründet er seinen Abgang.

Herr Claassen, in wenigen Wochen scheiden Sie bei der EnBW aus. Haben Sie Ihre Wohnung schon gekündigt?

Da ich eine Eigentumswohnung in Stuttgart besitze, muss ich nichts kündigen.

Werden Sie die Wohnung behalten?

Das wird sich zeigen.

Bei all dem Ärger, bei all den Anfeindungen, die Sie hier erlebt haben, müssen Sie doch froh sein, Ihre Zelte abzubrechen.

Ich habe in Baden-Württemberg sehr viele positive Dinge erlebt. Freundschaften sind entstanden, und ich habe eine große Sympathie für die Menschen in diesem Land. Dass es auch interessengeleitete Anfeindungen gibt, liegt bei Sanierungsprozessen, die auch Defizite und Missstände deutlich anzugehen haben, in der Natur der Sache. Aus solchen Einzelfällen darf man aber keine Rückschlüsse auf ein Land und seine Menschen ziehen.

Deutsche Manager sitzen normalerweise länger als fünf Jahre im Vorstandssessel. Haben Sie sich mit Ihren Aktionären verkracht?

Nein, überhaupt nicht. Wieso auch? Wir haben für unsere Aktionäre Milliardenwerte geschaffen und hierfür auch immer wieder entsprechende Anerkennung erhalten.

Haben Sie auf eine Vertragsverlängerung verzichtet, bevor es zum Streit mit einem der Großaktionäre kam?

Nein. Es hat sich keine Auseinandersetzung angebahnt, und ein Streit wäre auch ohnehin kein Grund für einen Verzicht. Das Verhältnis zu den Großaktionären war aus meiner Sicht zu jeder Zeit professionell und atmosphärisch gut. Im Übrigen hatte ich zu keinem Zeitpunkt Veranlassung, an meiner Vertragsverlängerung durch den Aufsichtsrat zu zweifeln, insbesondere auch nicht zu dem Zeitpunkt der Bekanntgabe meiner Entscheidung.

Mitglieder des Aufsichtsrats haben angeblich schon vor Ihrer Entscheidung gegen eine Vertragsverlängerung nach einem Nachfolger für Sie gesucht.

Mir ist mehrfach glaubhaft versichert worden, dass weder der Aufsichtsrat noch der Personalausschuss einen entsprechenden Suchauftrag gegeben haben.

Selbst wenn es keinen legitimierten Auftrag gab: Muss man das nicht als ein Votum des Misstrauens werten?

Generell gilt: Nicht legitimierte Vorgänge muss man auch nicht kommentieren.

Zwei Wochen nach Ihrer Kündigung hat der Aufsichtsrat bereits einen Nachfolger präsentiert. Das sieht nach langer Vorbereitung aus.

Das sieht danach aus, dass sich der Aufsichtsrat nach meiner Entscheidung zügig, intensiv und professionell um das Thema gekümmert hat, so wie es ja auch sein sollte.

Sie haben „professionelle, strukturelle, persönliche und familiäre Gründe“ genannt, die Sie veranlassten, EnBW zu verlassen. Das ist sehr abstrakt. Was sind professionelle, strukturelle Gründe?

Dazu habe ich keine weiter gehenden Erklärungen abzugeben.

So ein unerwarteter Ausstieg ist aber schon erklärungsbedürftig.

Es ist doch bemerkenswert, dass eine solche Entscheidung, wie ich sie getroffen habe, überhaupt als so ungewöhnlich empfunden wird. Wir diskutieren schließlich heute öffentlich darüber, welchen Sinn langfristige Verträge für Manager haben und ob nicht kürzere Verträge mit Laufzeiten unter fünf Jahren abgeschlossen werden sollten – wie zum Beispiel bei Chefredakteuren. Deshalb sollte es auch umgekehrt das Normalste der Welt für einen Vorstandsvorsitzenden wie mich sein, sagen zu können, ich möchte meinen Vertrag nicht verlängern.

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