Im Gespräch mit: Jörg Hofmann
„Wer Zusagen bricht, zerstört unser System“

In der Krise drohen die Lohn- und Jobversprechen der Industrie-Unternehmen wie Seifenblasen zu zerplatzen. Im Handelsblatt-Interview spricht IG-Metall-Bezirkschef Jörg Hofmann über die Beschäftigungssicherung der Metall-Betriebe und was passiert, wenn deren Existenz auf dem Spiel steht.

Herr Hofmann, wie viele Metall-Betriebe wollen nach Ihrer Kenntnis die anstehende Lohnerhöhung hinausschieben?

Es kommt offensichtlich sehr darauf an, wie man fragt. Ich kenne die Arbeitgeber-Umfragen, wonach 50 Prozent der Betriebe die Tariferhöhung gerne verschieben würden. Das hat aber noch wenig mit realen Absichten zu tun. Die Zahl der Fälle, in denen Unternehmen darüber schon konkrete Gespräche mit den Betriebsräten führen, lassen sich an einer Hand abzählen. Ich halte dieses Thema generell für stark überhöht – leider auch dadurch, dass Arbeitgeberfunktionäre unseren Tarifvertrag mutwillig falsch interpretieren.

Inwiefern?

Unternehmen können laut Tarifvertrag eben nicht einfach frei entscheiden, wann es die Erhöhung gibt. Ob sie verschoben werden kann, ist mit der konkreten wirtschaftlichen Lage des einzelnen Betriebs abzuwägen. Und es steht dem Betriebsrat immer frei, sich nicht darauf einzulassen. Es ist Sache des Betriebsrats und nicht der IG Metall. Die erweckt aber den Eindruck, solche Vereinbarungen verhindern zu wollen. Betriebsräte sind IG Metaller und umgekehrt. Mich ärgert, mit welchem Impetus gerade Gesamtmetall eine flächendeckende Verschiebung fordert – nach dem Motto: Weil gerade Abschwung ist, braucht man vereinbarte Lohnerhöhungen nicht zu zahlen. Das ist nur kontraproduktiv. Es belastet das Klima dort, wo dieser Weg im Einzelfall sinnvoll sein mag. Und wo Betriebe ernste wirtschaftliche Probleme haben, geht es um Dimensionen, die man durch eine verzögerte Tariferhöhung ohnehin nicht bewältigt. Es gäbe wirklich Besseres zu tun, als sich in einem Streit darüber zu verzetteln.

Sie setzen vor allem auf das Kurzarbeitergeld der Arbeitsagentur, wenn es um Entlastung für Krisenbetriebe geht. Im Südwesten muss es laut Tarifvertrag aber ergänzend vom Betrieb aufgestockt werden. Ist das zeitgemäß?

Und ob. Ihren Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben die Beschäftigten durch Beitragszahlungen erworben. Und die Aufstockung durch den Arbeitgeber ist in Wahrheit keine baden-württembergische Spezialität. Zwar haben nur wir das im Flächentarif stehen. Ähnliches gilt aber – auf Unternehmensebene geregelt – auch außerhalb unseres Tarifgebietes für hunderttausende Arbeitnehmer. Siemens und MAN etwa haben die Aufstockung gerade neu eingeführt.

Schön für Arbeitnehmer. Für den Betrieb verteuert es Kurzarbeit, die Krisenhilfe wird geschwächt. Wie geht das zusammen?

Was ein Arbeitnehmer zum Leben braucht, die Höhe des Einkommens ist nun einmal nicht beliebig flexibel. Deshalb geht es auch darum, Akzeptanz für Kurzarbeit zu schaffen – damit ein so geeignetes Instrument in der Praxis auch schnell und flexibel eingesetzt werden kann. Würden in einer von Kurzarbeit so stark betroffenen Region wie dem mittleren Neckarraum die Zuschüsse wegfallen, hätte das extrem negative Auswirkungen auf die Kaufkraft in der Region, die Krise würde verschärft.

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall fordert, die Zuschüsse zu überprüfen. Kein Dialog darüber?

In dieser Frage pflegen wir eine ziemlich stabile Dialogform: Wir haben einen Tarifvertrag, der von beiden Seiten unterschrieben ist und damit gilt.

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