Im Reich des Weltmarktführers brennt es an vielen Ecken
Hintergrund: GM – ein Riese in der Krise

Schrumpfende Marktanteile, in der Folge Überkapazitäten, und das inmitten eines weltweiten Preiskampfes: General Motors (GM), der nach Stückzahlen größte Automobilbauer der Welt, agiert aus der Defensive heraus. Es brennt an vielen Ecken. Mit dem reinen Verkauf von Autos verdient GM kein Geld mehr. Kurzfristig wird sich die Lage des Konzerns nicht signifikant verbessern, glaubt Scott Sprinzen, US-Autoexperte der Ratingagentur Standard & Poor’s.

hof/je/mab FRANKFURT. Auch das Management hat sich der Realität gebeugt und das Gewinnziel für das laufende Jahr gesenkt; die mittelfristige Zielgröße wurde in Frage gestellt.

Das Ausmaß der Probleme bei General Motors schlägt sich in der Bewertung an der Börse nieder: Obwohl der Konzern weltweit mehr Autos produziert als die Konkurrenten, wird er von den Kapitalanlegern wertmäßig nur auf Rang sieben geführt. Toyota ist mit einer Börsenkapitalisierung von rund 100 Milliarden Euro sechsmal mehr wert als GM, Renault-Nissan wird immerhin noch mit dem Dreifachen bewertet.

Am augenfälligsten sind die strukturellen Probleme des US-Riesen in Europa. Nach fünf Jahren in Folge mit roten Zahlen soll das jetzt gestartete Sanierungsprogramm die Wende einleiten. Seit Jahren läuft GM in Europa seinen Zielen hinterher, reagiert oft kurzsichtig. In den 90er-Jahren setzte Opel unter Spardruck sein Image als qualitativ gute Marke aufs Spiel, der Trend zu Dieselmotoren wurde zu spät erkannt, die Marktanteile sanken. Für Nischenmodelle fehlten die Mittel, Opel konzentrierte sich auf die Segmente und Fahrzeugklassen, die in der Kundengunst in den vergangenen Jahren gesunken sind. So ging der Anteil der Kompaktautos der Golf-Klasse an den Gesamtverkäufen der Branche seit 1999 von 27 auf 20 Prozent zurück, der der Mittelklasse von 17 auf 13 Prozent. Ausgerechnet mit den Vertretern in diesen Segmenten, dem Astra und Vectra, sollte das Unternehmen Terrain zurückgewinnen.

Zu lange hat das GM-Management in Detroit auch die Verluste der schwedischen Marke Saab klaglos akzeptiert. Saab sollte zum weltweiten Premiumanbieter ausgebaut werden. Appelle, sich bei der Entwicklung stärker an Opel anzulehnen, verhallten in der Saab-Zentrale in Trollhättan. Die erhoffte Steigerung der Verkaufszahlen blieb aus, die Schweden bauen jährlich 130 000 Autos: „Die Marke Saab hat eindeutig nicht die kritische Größe erreicht“, begründet GM-Europapräsident Carl-Peter Forster den Zwang zur Integration.

Nun droht dem Konzern in Europa ein weiterer Klotz am Bein. Am kommenden Dienstag soll sich bei einem Spitzentreffen in Zürich entscheiden, ob GM-Chef Rick Wagoner künftig auch noch die Verluste der Fiat-Autosparte verkraften muss – allein in den ersten drei Quartalen 2004 waren dies 744 Millionen Euro. Denn Fiat besitzt nach einem Vertrag aus dem Jahr 2000 gegenüber GM ein Andienungsrecht seiner Anteile an der Autosparte. Fiat-Boss Sergio Marchionne hat zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, auf diese Weise aus dem Autogeschäft auszusteigen. GM wehrt sich mit Händen und Füßen – und juristischen Winkelzügen – gegen eine drohende Übernahme. Die Amerikaner, zurzeit mit zehn Prozent an Fiat-Auto beteiligt, zweifeln die Gültigkeit der „Put-Option“ an, nachdem das italienische Management ursprüngliche Bestandteile von Fiat-Auto veräußert hat. Vorstellbar ist, dass sich GM aus der Verpflichtung durch die Zahlung einer dreistelligen Millionensumme freikauft. Möglich ist auch, dass Teile der GM- Fiat-Allianz – vor allem das Gemeinschaftsunternehmen für den Bau von Motoren – wieder entflochten werden. Das wäre das Ende einer unglücklichen Ehe.

Auch auf dem Heimatmarkt bleibt der Erfolg aus. Dort hat sich General Motors zuletzt nur dank niedriger Zinsen und saftiger Gewinne der Finanztochter sowie eines Booms bei Geländewagen über Wasser gehalten. Bei steigenden Zinsen und teurerem Benzin zeigen sich nun die Schwächen: hohe Kosten, Schulden, unattraktive Modelle. Ab diesem Wochenende will GM mit Preisnachlässen von bis zu 7 000 Dollar pro Fahrzeug den schleppenden Absatz noch mal ankurbeln. Gleichzeitig hat der Konzern die Schließung von zwei Fabriken angekündigt.

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