In Deutschland nehmen Fusionen und Übernahmen um 80 Prozent zu
Fusionsfieber grassiert unter Konzernen

Der Markt mit Fusionen und Übernahmen (M&A) steht nach Jahren der Krise vor einer beeindruckenden Renaissance. Dies zeigt eine Umfrage des Handelsblatts unter sieben führenden Investmentbanken. „Wenn der Trend anhält, wird 2005 das drittbeste Jahr überhaupt“, sagt der Leiter des europäischen M&A-Geschäfts von Morgan Stanley, Paulo Pereira. Die beiden Rekordjahre waren 1999 und 2000, als Technologie-, Medien- und Telekomfirmen eine Spekulationsblase nährten.

FRANKFURT/LONDON. „Wir erleben einen stabilen Aufschwung, der von neuem Mut, aber auch von mehr Vernunft getrieben wird“, bestätigt Hermann Prelle von der Schweizer Großbank UBS. Vor allem die Rückkehr der großen Übernahmen mit einem Wert von mehreren Milliarden Euro stimme die Branche zuversichtlich.

Insgesamt rechnen alle vom Handelsblatt befragten Banken mit einer Fortsetzung der Erholung und weiteren Großfusionen. „Die meisten Häuser haben noch große Deals in der Pipeline“, fasst Thomas Schwingeler von der Deutschen Bank das Meinungsbild zusammen. Ein Banker, der namentlich nicht zitiert werden will, schätzt, dass in Europa derzeit an 150 bis 200 Jumbo-Übernahmen mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Euro gearbeitet wird.

Auch für Deutschland rechnen die Experten nach der Sommerpause mit reichlich Bewegung. Erst in der vergangenen Woche trieben erneute Übernahmegerüchte unter anderem den Aktienkurs der Commerzbank und des Pharmakonzerns Schering in die Höhe. Nach Einschätzung von Morgan Stanley war Deutschland „allein von seinem wirtschaftlichen Gewicht her im ersten Halbjahr unterrepräsentiert“. Die Erholung belebt auch den Stellenmarkt der Investmentbanker. „In der Krise haben viele Banken ihre M&A-Abteilungen drastisch verkleinert, jetzt wird wieder kräftig eingestellt“, berichtet der Frankfurter Headhunter Claes Smith-Solbakken. Spektakulärstes Beispiel der vergangenen Monate: Die Frankfurter Dependance von Lehman Brothers warb gleich sieben M&A-Spezialisten von der Deutschen Bank ab.

Bis Anfang August lag das Volumen angekündigter Übernahmen in Europa bei rund 460 Mrd. Euro, ein Plus von knapp 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In Deutschland zog der M&A-Markt sogar um 80 Prozent auf 94 Mrd. Euro an. „Angetrieben wird die Erholung durch die weltweit niedrigen Zinsen und die robusten Aktienmärkte“, erläutert Christian Stroop von JP Morgan. Als weiteren Schlüsselfaktor sieht Marcus Schenck von Goldman Sachs die Rückkehr strategischer Investoren an den M&A-Markt. In den vergangenen Jahren hatten zunehmend Beteiligungsfonds das Übernahmegeschäft geprägt, die Konzerne hielten sich zurück.

„Jetzt haben viele Unternehmen die Konsolidierung hinter sich und entwickeln wieder mehr Mut zu Übernahmen“, sagt Paul Lerbinger von der Citigroup. Umgekehrt reagieren die Anleger deutlich toleranter auf Zukäufe als in den Jahren nach der Börsenkrise. Das zeige etwa die Reaktion auf den Kauf des US-Sportartikelherstellers Reebok durch Adidas, sagt Holger Bross von Merrill Lynch. Der Börsenkurs des deutschen Konzerns gewann an dem Tag, als die Übernahme bekannt wurde, 7,5 Prozent. Neben Adidas ging auch der Pharmakonzern Fresenius Medical Care in den USA auf Einkaufstour und erwarb den Konkurrenten Renal für 3,5 Mrd. Euro. Springer kaufte Pro Sieben Sat 1 kürzlich für rund 4,2 Mrd. Euro. Noch größeres Aufsehen hatte zuvor die etwa 18 Mrd. Euro teure Übernahme der Hypo-Vereinsbank durch die italienische Unicredito erregt – die bislang größte internationale Übernahme im Finanzsektor der Euro-Zone.

Das wieder erwachte Interesse der Unternehmen wirkt als zusätzlicher Wachstumsimpuls für den M&A-Markt. Denn die Investmentbanker erwarten, dass auch die Nachfrage der Finanzinvestoren hoch bleiben wird. „Die Beteiligungsfonds haben in den vergangenen Monaten viel Geld eingesammelt und suchen nach attraktiven Anlagemöglichkeiten“, betont Goldman-Banker Schenck. Die meisten Banker erwarten künftig auch mehr feindliche Übernahmen. Zurzeit versucht der französische Baustoffhersteller Saint Gobain, nach drei abgelehnten freundlichen Offerten den britischen Konkurrenten BPB für 5,3 Mrd. Euro zu kaufen.

Übernahmeziele sind vor allem unterbewertete Unternehmen und Konglomerate. Dabei fallen in Deutschland häufig Namen wie Heidelberger Druck, MAN und Linde. Auf der Käuferseite sehen die Investmentbanker Unternehmen aus dem Telekommunikations-, Medien- und Technologiesektor. Tatsächlich will die Deutsche Telekom gerade für 1,3 Mrd. Euro die österreichische Telering schlucken.

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