Indischer Mischkonzern: Machtwechsel im Tata-Imperium

Indischer Mischkonzern
Machtwechsel im Tata-Imperium

Der Name Tata ist in Indien überall präsent: Autos, Stahl, Tee, Chemie, IT-Beratung und Hotels. Doch längst spielt der Mischwarenkonzern auch weltweit mit. Der Architekt des Erfolgs verabschiedet sich nun.
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Neu DelhiEinen „Unfall“ nannte Ratan N. Tata seinen Eintritt in das Familienunternehmen. Eigentlich war der gelernte Architekt vor 21 Jahren nur deswegen aus den USA nach Indien zurückgekehrt, weil seine Großmutter krank war. Doch dann trat sein Verwandter J.R.D. Tata ab und vermachte ihm in einem Handstreich den Chefposten der Tata-Gruppe.

Nun geht Ratan Tata zu seinem 75. Geburtstag selbst in den Ruhestand. Aus dem indischen Konglomerat hat er einen modernen Konzern gemacht, der im vergangenen Finanzjahr 76 Milliarden Euro umsetzte und bei Stahl, Autos und Tee weltweit ganz oben mitspielt.

Kaum einer der 1,2 Milliarden Inder kommt im Alltag ohne Tata aus. Die mehr als 100 Firmen stellen Konsumgüter von Titanuhren bis Mineralwasser her, bieten Beratung und IT-Dienstleistungen, führen Hotels und liefern Strom, bearbeiten Metall und Chemikalien.

Mit dem Tata Nano – eine Herzensangelegenheit von Ratan N. Tata – produziert der Konzern das mit etwa 2000 Euro weltweit günstigste, wenn auch nur mäßig erfolgreiche Auto. Und im Herbst eröffnete der Konzern in einem Joint-Venture das erste Starbucks-Café des Landes.

Ratan Tatas großer Verdienst ist die Internationalisierung des Konzerns, der zwar schon bei seinem Amtsantritt das größte Privatunternehmen Indiens darstellte, aber fast nur auf dem heimischen Markt aktiv war. Ab der Jahrtausendwende ging der Konzern im Ausland auf Einkaufstour.

Im Jahr 2000 erwarb die Tata-Gruppe die führende britische Teemarke Tetley, vier Jahre später kaufte sie sich beim zweitgrößten Lastwagenbauer in Südkorea, Daewoo Commercial Vehicle, ein. Es folgten fast im Jahrestakt Singapurs größtes Stahlunternehmen NatSteel, Millennium Steel in Thailand und das britische Chemieunternehmen Brunner Mond.

„Sie haben die Möglichkeiten und Herausforderungen der Globalisierung genutzt und sie hervorragend gemeistert“, schreibt Rahul Bajaj, ein weiterer indischer Großindustrieller und Politiker, anerkennend im „Business Standard“ über die „Tatas“ unter der Ägide des frisch gebackenen Pensionärs.

Dabei schreckte die Tata-Gruppe auch nicht vor Herkulesaufgaben zurück. 2007 übernahm Tata Steel für 9,4 Milliarden einen deutlich größeren Konkurrenten, den britisch-niederländischen Stahlkonzern Corus. Auch die britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover gingen 2008 für 1,5 Milliarden Euro an die Inder. Die damals defizitären Nobelhersteller sind seit einigen Jahren wieder profitabel.

Die Tata-Gruppe ist heute mit rund 450 000 Mitarbeitern in mehr als 80 Ländern aktiv (hier eine Übersicht nach Branchen) und generierte im zurückliegenden Finanzjahr 58 Prozent der Umsätze im Ausland. Weggefährten bescheinigen Ratan N. Tata und seinem Unternehmen dabei ein großes Verantwortungsbewusstsein.

Seine Ethik sei immer der Fixpunkt all seines unternehmerischen Tuns gewesen, schreibt sein Konkurrent Ramaswamy Seshasayee in Gastbeiträgen zu seinem Abschied. Die Gewinne des Konzerns fließen überwiegend in gemeinnützige Stiftungen, was dem Philanthropen Tata dieses Jahr den Rockefeller-Preis für sein Lebenswerk einbrachte.

Die soziale Verantwortung liege ihm in den Genen, sagte Tata dazu einmal. Die Firmengruppe, die vor 144 Jahren gegründet wurde, hatte bisher nur fünf Vorsitzende – und davon trug nur einer nicht den Namen Tata. Auch Ratan N. Tatas Nachfolger, Cyrus P. Mistry, gehört im weiteren Sinne zur Familie: Seine Schwester ist mit Ratans Großcousin verheiratet. Der nun 75-Jährige wäre übrigens gern 20 Jahre jünger. Nicht, um weiter zu arbeiten. Sondern um zu erleben, wohin Indien sich noch entwickelt.

 

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