Indischer Stahlkonzern gerät in Bosnien unter Druck
Massengräber bringen Mittal in Erklärungsnot

Der weltweit größte Stahlkonzern, die indische Firma Mittal Steel, steht in Bosnien vor großen Problemen. Denn dort, wo sich womöglich die Massengräber des Gefangenenlagers von Omarska befinden, fördert der Konzern derzeit Eisenerz. Das berichtet die bosnische Wochenzeitschrift „BH Dani“.

PRAG. Als westliche Journalisten im Sommer 1992 ins jugoslawische Omarska kamen, trauten sie ihren Augen nicht. Hinter einem Stacheldrahtzaun des lokalen Gefangenenlagers standen Hunderte von Männern, ausgehungert bis auf die Knochen. Manche der Häftlinge flehten verzweifelt um Hilfe, andere wirkten stumpf und apathisch. Der Vergleich mit den Konzentrationslagern aus dem Zweiten Weltkrieg drängte sich auf.

Diese grausigen Vorgänge könnten nun überraschend dem weltweit größten Stahlkonzern, der indischen Firma Mittal Steel, zum Problem werden. Denn dort, wo sich womöglich die Massengräber des Konzentrationslagers befinden, fördert der Konzern derzeit Eisenerz. Das berichtet die bosnische Wochenzeitschrift „BH Dani“.

Für die Privatisierung der Bergwerke hatte sich 1997 auch die deutsche Firma Triacom interessiert. Doch kurz vor dem Vertragsabschluss ließ sie ihre Pläne fallen – die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte sie gewarnt.

Der Wettbewerber Mittal griff zu – und steht nun vor einer makabren Situation: Das Erz, das in seine Stahlwerke nach Bosnien, Tschechien, Rumänien und Polen geliefert wird, könnte Reste menschlicher Leichen enthalten. Die Vertreter des Stahlkonzerns weisen diese Behauptung zurück. „Nein, es gibt dort absolut keine Gräber“, sagte Paul Weigh, Sprecher der Konzernzentrale in London, der tschechischen Handelsblatt-Schwesterzeitung „Hospodarske noviny“.

Doch Vertreter von bosnischen Moslems und Kroaten sind da anderer Meinung. Letztes Jahr deckte das bosnische Regierungskomitee für Vermisste ein Massengrab auf, in dem 456 Leichen gefunden wurden. Es lag nur 200 Meter vom jetzigen Abbauort entfernt. Jasmin Odobasic, Chef des Komitees, rechnet zudem vor, dass in Prijedor, einer Stadt in der Nähe des Bergwerkes, noch 1 000 Moslems und Kroaten vermisst werden. „Es ist nicht sicher“, sagt er, „ob sich nicht noch weitere Massengräber in dem Bergwerk befinden.“

Die bosnischen Kroaten nehmen inzwischen auch andere Werke von Mittal ins Visier, darunter Nove doly Ljubija, an dem der Konzern 51 Prozent hält. Der Rest gehört der serbischen Regierung, die sich laut BH Dani weigert, Ermittlungsbeamte einzulassen, die das Gelände auf eventuelle Massengräber überprüfen könnten.

„In meinem Gebiet gibt es keine Massengräber“, behauptet Murari Muchardzi, Direktor des dortigen Bergwerks. Er hat den bosnischen Ermittlern bei der Suche nach Vermissten zwar seine Unterstützung zugesagt, doch dazu wird er nach Ansicht des Komitees nur wenig beitragen können. Mittals Mitgesellschafter ist die von serbischen Politikern dominierte Regierung der bosnischen Teilrepublik Serbien.

Sie wird immer noch geführt von der Serbischen Demokratischen Partei, die schon zu Kriegszeiten in den neunziger Jahren an der Macht war. Ihr einstiger Chef Radovan Karadzic muss sich derzeit wegen Völkermords vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten. Auch zehn Jahre nach Kriegsende weigert sich die Regierung, weitere verdächtige Kriegsverbrecher an das dortige Gericht auszuliefern.

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