Industrie 4.0
Nichts kommt mehr von der Stange

Nicht nur der Konsument, auch die Industrie verlangt verstärkt individualisierte Produkte.
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DüsseldorfDie Autobauer liefern das prominenteste Beispiel: immer mehr Modelle laufen vom selben Band, um den Wünschen der Kunden nach einem speziell auf ihn zugeschnittenen Fahrzeug zu entsprechen. Allein der VW-Konzern bietet inzwischen über 300 Varianten an, gleichzeitig verkürzen sich die Produktionszyklen. Damit die Kosten bei so viel Individualität nicht aus dem Ruder laufen, setzen Volkswagen, Daimler & Co auf ausgeklügelte Baukastensysteme und gemeinsame Plattformen.

Dieser Trend hat längst weite Teile der Industrie erfasst. „Keiner will mehr was von der Stange, sondern individuell zugeschnittene Lösungen“, sagt Rainer Glatz, Leiter der Abteilung Informatik des Branchenverbandes VDMA. So müssen sich mehr und mehr Branchen den individuellen Wünschen ihrer Kunden stellen. Deren Bedeutung für zukünftige Geschäfte stieg laut einer Umfrage des Marktforschungs- und Beratungsinstituts Pierre Audoin Consultants im Auftrag der Freundenberg IT binnen der vergangenen zwölf Monate von 59 auf 68 Prozent. Das Thema liegt damit nur knapp hinter dem Spitzenreiter Effizienzsteigerung mit dem Ziel der Kostensenkung von 79 Prozent.

Die Digitalisierung der industriellen Produktion – Schlagwort: Industrie 4.0 – wird diese Entwicklung verstärken – und in manchen Fällen sogar erst möglich machen: Statt zentral vorgegeben, werden künftig Werkstücke flächendeckend über QR-Code oder RFID-Chip den Maschinen und Robotern an der Fertigungslinie genaue Befehle geben, wie sie gefräst, gestanzt, lackiert werden sollen und welches Zusatzmodul sie noch erhalten. Autonom und flexibel, effizient und individuell. „Die Flexibilität ist dabei oftmals höher zu bewerten als die Produktivität“, sagt Glatz dazu.

Beispiel Hawe aus Kaufbeuren im Allgäu: Der Hydraulik-Spezialist gilt als einer der innovativsten und flexibelsten Anbieter der Branche. Der Mittelständler mit rund 280 Millionen Euro Umsatz fertigt Pumpen, Ventile und Hydraulik-Komponenten für Windkraftanlagen, die Bauindustrie oder Bohrgeräte. Dank eines ausgefeilten Baukastenprinzips sind die Bayern in der Lage, eine fast unendlich große Zahl von Varianten anzubieten.

„Wir wollen ja auch Kunden mit kleinen Stückzahlen beliefern können“, sagt Produktionsvorstand Wolfgang Sochor. Selbst die Losgröße 1, also eine individuelle Konfiguration, ist machbar – zu wettbewerbsfähigen Preisen. Darin besteht für den Hawe-Manager die eigentliche Kunst: „Sie müssen die Montage so flexibel gestalten, dass die Produktion effizient ist bei gleichzeitig hohem Qualitätsniveau.“

Dafür greift Hawe verstärkt zu einer stärkeren digitalen Vernetzung der Produktion: So erhalten die Mitarbeiter in der Fertigung die benötigten Stückzahlen und die nötige Dokumentation des Produkts immer aktuell auf dem Bildschirm. Die einzelnen Standorte sind so miteinander verbunden, dass sich die einzelnen Werke Auftragsspitzen teilen können. Und die Logistik ist so mit der Produktion verknüpft, dass die benötigten Teile schon im Lager vorsortiert werden, bevor sie in die Produktionshalle wandern.

Von einer virtuellen Fabrik sei man aber noch weit entfernt, meint Sochor. „Bevor wir Maschinen miteinander vernetzen, überlegen wir uns genau, welche Daten wir letztlich auswerten wollen“, sagt Sochor. „Wir wollen keinen überflüssigen Datenmüll produzieren.“

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