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07.03.2008 
Arbeitskampf

Industrie bereitet sich auf Ernstfall vor

von Dietrich Creutzburg und Mark C. Schneider

Trotz Vermittlungsversuchen der Politik ist im Tarifkonflikt der Deutschen Bahn keine Entschärfung in Sicht. Vielmehr stellt sich das Unternehmen aktiv auf einen neuen Streik der Lokführergewerkschaft GDL ein. Vorsorglich gibt die Bahn wichtige Gütertransporte an Drittanbieter ab.

Die Deutsche Bahn ist auf erneute Streiks der GDL im Güterverkehr vorbereitet. Foto: dpaLupe

Die Deutsche Bahn ist auf erneute Streiks der GDL im Güterverkehr vorbereitet. Foto: dpa

BERLIN/GENF. Man habe bestimmte Güterlieferungen im Interesse von Logistikkunden vorsorglich an andere Anbieter abgegeben, berichtete Logistikvorstand Norbert Bensel. "Wir können unseren Kunden die andauernde Unsicherheit nicht zumuten", sagte er.

Falls die GDL den Streik nicht noch überraschend absagt, drohen ab Montag massive Behinderungen im Güter- und im Personenverkehr der Bahn. Je nach Dauer könnte der Ausstand speziell Betriebe mit Just- in-time-Produktion empfindlich treffen. Einen Streik in allen Bahnsparten hatte es bisher nur einmal, im November, gegeben. Damals dauerte er drei Tage. Ob es auch jetzt bei einem überschaubaren Zeitraum bleibt, ist unklar: Angekündigt hat die GDL einen unbefristeten Streik.

Bei den Autoherstellern wären die Folgen eines Ausfalls etwa für Porsche in Leipzig rasch zu spüren. Das Werk bekommt die Karosserien des "Cayenne" per Zug jeweils um sechs Uhr früh von VW aus dem tschechischen Bratislava. "Wenn der Zug nicht kommt, steht die Produktion in Leipzig im Laufe des Tages still", sagte ein Sprecher.

Im Schnitt werden pro Tag 180 Fahrzeuge gefertigt. Etwa 260 Mitarbeiter müssten schlimmstenfalls nach Hause gehen. "Das wird dann über Arbeitszeitkonten verrechnet", sagte der Sprecher. Tatsächlich seien aber zumindest im vergangenen Jahr alle Züge angekommen. "Der Bahn ist klar, dass wir von ihr abhängig sind. Wir hoffen, dass dies auch nächste Woche der Fall sein wird."

Ein Vorteil für Porsche könnte sein, dass das Unternehmen als Vorzeigekunde gilt und daher im Notfall hohe Priorität hat. Die Bahn berichtete, zum einen würden einzelne Fuhren im Kombiverkehr per Lastwagen und Zug zwischen Leipzig und München an Drittfirmen abgegeben. Zum anderen gingen wichtige Chemietransporte für ostdeutsche Industriefirmen an andere Bahnanbieter.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lockerung der Fronten nicht erkennbar

Industriebetriebe, die in der Logistik mehr auf die Straße setzen, haben bei Bahnstreiks zwar tendenziell größere Reserven. Doch wer in ein empfindliches Zuliefernetzwerk eingebunden ist, kann trotzdem fast nie sicher sein, verdeutlicht eine Analyse des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall: Mit der für ein Hochlohnland typischen Spezialisierung habe sich die deutsche Industrie zu einem "komplizierten Räderwerk" entwickelt, die Wertschöpfung von kleinen, mittleren und großen Betrieben greife eng ineinander.

Daher gelte: "Wenn die Logistikkette reißt, steht kurz darauf die Produktion still." Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet vor, dass zwar ein dreitägiger Bahnstreik noch keine schweren Folgen hat - mit jedem Tag mehr drohe der Schaden dann aber explosiv zuzunehmen.

Eine Sprecherin der GDL bestätigte gestern zwar, dass Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) im Bemühen um Deeskalation mit Gewerkschaftschef Manfred Schell telefoniert habe. Eine Lockerung der Fronten war aber nicht erkennbar: Die GDL will streiken, falls die Bahn den vorliegenden Tarifvertrag mit elf Prozent Gehaltserhöhung nicht unterschreibt.

Genau das lehnt die Bahn jedoch ab, solange nicht auch Grundregeln über die zukünftige Zusammenarbeit der Tarifparteien im Konzern fixiert sind. Personalvorstand Margret Suckale rief die GDL auf, ihre "Verweigerungshaltung" aufzugeben.

Parallel wurden in Potsdam die Tarifgespräche im öffentlichen Dienst fortgesetzt. Auch dort gab es bis Redaktionsschluss keine greifbare Bewegung der Fronten. Zugleich setzte Verdi die Streiks fort, diesmal mit Schwerpunkt Süddeutschland. Auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben legte der dortige Arbeitskampf den Betrieb wieder ganztägig lahm.

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