An der Strombörse in Leipzig klettern die Notierungen. Das schlägt auch auf die Industriekunden durch.
DÜSSELDORF. Die deutschen Unternehmen müssen mit weiter steigenden Stromkosten kalkulieren. Im Großhandel an der Leipziger Strombörse EEX sind die ohnehin hohen Notierungen im kurzfristigen Spot- und im mittelfristigen Terminhandel in den vergangenen Wochen noch einmal drastisch gestiegen. „Die Entwicklung ist katastrophal und wird auf Industriekunden durchschlagen“, sagt Alfred Richmann, Geschäftführer des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), der Großkunden vertritt. „Die Tendenz zeigt eindeutig nach oben.“
Vor allem die Preise im Spothandel sind im November kräftig geklettert. Eine Megawattstunde, die im Oktober noch im Durchschnitt 47,5 Euro kostete, wurde am Montag zum Rekordwert von knapp 146 Euro gehandelt. Inzwischen gab der Preis zwar wieder etwas nach, lag gestern aber immer noch über 114 Euro. Am Terminmarkt sind die Ausschläge nicht so drastisch, zeigen aber in die selbe Richtung. Eine Megawattstunde Strom zur Lieferung im kommenden Jahr kostet derzeit knapp 48 Euro – über acht Euro mehr als noch Anfang Juni. Terminkontrakte für 2007 sind ebenfalls teurer geworden.
Industriekunden beobachten die Entwicklung an der Strombörse genau, weil die Notierungen als Referenzgrößen in den Lieferverträgen mit Versorgern gelten. Die meisten Unternehmen dürften sich nach Richmanns Worten zwar bereits für 2006 eingedeckt haben – vor allem diejenigen, die Vollversorgungsverträge mit fester Laufzeit und festen Preisen abschließen. Mancher Kunde habe aber auf sinkende Preise gehofft und abgewartet, sagt er. Das zeige das Handelsvolumen, das trotz des Preisanstiegs im November höher lag als in den drei Vormonaten.
„Viele Unternehmen verteilen das Risiko auch über das gesamte Jahr“, erläutert Richmann. Sie decken sich beispielsweise im Frühjahr zu 50 Prozent für das kommende Jahr ein, im Sommer zu weiteren 30 Prozent und kaufen im Winter den Rest.
Direkt betroffen – auch von der Entwicklung am Spotmarkt – sind Unternehmen mit eigenen Handelsabteilungen, die am Großhandel teilnehmen. Sie müssen auch tageweise Strommengen zukaufen, um ihren Bedarf punktgenau zu decken. Das seien allerdings nur kleine Mengen, sagt Verbandschef Richmann. „Das schmerzt zwar, problematischer ist aber, dass die Entwicklung auf den Terminmarkt durchschlägt.“ Faktoren, die den drastischen Anstieg erklären könnten, sieht Richmann nicht.
Selbst den Versorgern fällt es schwer, die Entwicklung zu begründen. „Im Winter gibt es immer tendenziell höhere Preise“, sagt eine Sprecherin der Handelstochter von Vattenfall Europe. Dies habe dem ohnehin hohen Niveau einen zusätzlichen Schub gegeben. In Deutschland seien zudem drei Kernkraftwerke vom Netz gegangen – zum Teil außerplanmäßig. Hinzu seien Kraftwerksausfälle in Frankreich, der Kälteeinbruch sowie der Ausfall von Wind- und Wasserkraft gekommen.
Nicht als Begründung taugt der Emissionshandel. Die Preise für Zertifikate, die die Versorger beim Ausstoß von Kohlendioxid benötigen, waren in den ersten Monaten deutlich gestiegen und wurden von den Kraftwerksbetreibern für den Anstieg der Stromgroßhandelspreise angeführt. Seit Monaten bewegen sie sich aber auf einem stabilen Niveau.
Für Richmann ist der Fall klar: „Es zeigt sich erneut die Marktmacht der Versorger.“ Die vier großen Versorger Eon, RWE, Vattenfall Europe und Energie Baden-Württemberg (EnBW) kontrollieren 80 Prozent der Kraftwerkskapazitäten. Er könne nicht verstehen, warum sie drei Kernkraftwerke vom Netz nehmen, nicht für Ausgleich sorgen und so das Angebot verknappten, sagt Richmann. „Es nützt nichts, dass wir viele Händler haben, wir benötigen mehr Anbieter.“

