Industrie warnt vor Schaden durch die neue EU-Chemiepolitik
Chemie hofft auf Einsehen der EU

Europas Chemische Industrie hofft, die EU-Kommission doch noch zur Überarbeitung ihres umstrittenen Entwurfes der neuen Chemikalienpolitik "Reach" (Registration, Evaluation, Authorisation and Restrictions of Chemicals) bewegen zu können.

DÜSSELDORF. Industrievertreter in ganz Europa erwarten, dass ihre von der Kommission erbetenen Stellungnahmen in die Vorlage einfließen, die dem EU-Parlament ab Herbst als Beratungsgrundlage dient.

Dabei kann sie auf amerikanische Schützenhilfe hoffen. Die US-Regierung hat in einer Stellungnahme an die EU davor gewarnt, Reach könne sich als globales Handelshemmnis erweisen. Der US-Chemieverband ACC bezeichnet Reach sogar offen als Verletzung der WTO-Regeln.

Vor allem aber versteht die US-Chemie, die mit Europa jährlich für mehr als 70 Mrd. $ Produkte austauscht, den EU-Sonderweg nicht. Die EU präsentiere Reach zu einem Zeitpunkt, zu dem das nach der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 entwickelte Globale Harmonisierte Klassifizierungs- und Kennzeichnungssystem (GHS) der Chemie reif für die Einführung sei.

Allen Beteiligten laufen mit Reach die Kosten aus dem Ruder. Die Generaldirektion Unternehmen der EU-Kommission selbst räumt bis zu 7 Mrd. Euro direkter Kosten für Registrierungen, Tests und Zulassungsverfahren in der Chemie sowie bis zu 26 Mrd. Euro weitere Kosten ein, die sich im Rest der Wirtschaft ergeben. Auf 10 Mrd. Euro schätzt der deutsche Chemieverband VCI die direkten Kosten für Chemikalientests und Bürokratie, die mit Reach binnen zehn Jahren auf Deutschlands Chemie zurollen.

So dachte Jürgen Hambrecht, Vorstandschef der BASF AG, kürzlich laut über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Protestaktion in Brüssel nach. Der weltgrößte Chemiekonzern erwartet Reach-Kosten von mindestens 500 Mill. Euro. Die Bayer AG fürchtet, dass sie rund einen Quartalsgewinn für die EU-Standards ausgeben muss: Bayer-Boss Werner Wenning beziffert die Reach-Kosten auf 750 Mill. Euro.

Die neue EU-Chemiepolitik sieht vor, in den nächsten zehn Jahren 30 000 der rund 110 000 in der EU verwendeten Substanzen zu registrieren, ihre Schädlichkeit zu evaluieren und ihre Verwendung gegebenenfalls mit Auflagen zu versehen. Da die Kommissare aber vor der Einrichtung einer von der Branche ersehnten Zentralisierung aller Reach-Zuständigkeiten bei der EU-Chemiebehörde zurückschrecken, wird die Umsetzung wohl von Land zu Land verschieden sein.

"Der Effekt wäre mager", glaubt Rhodia-Vorstandschef Jean-Pierre Tirouflet, bis 2002 Präsident Präsident des europäischen Chemieverbands Cefic. "Heute wird mit jeder Substanz ein Dossier mit Sicherheitshinweisen an die Erwerber weiter gegeben. Wir befinden uns also nicht gerade in einer regulatorischen Wüste."

Wörtlich genommen, reicht Reach sogar bis in den medizinischen Alltag. "Ich habe meinen Zahnarzt, der Kunststoff-Füllungen macht, mal gefragt, ob er weiß, was da auf ihn zukommt. Er hatte keinen Schimmer", sagt Wulf Sauer, Chef der Atofina Deutschland GmbH. Deren zu Frankreichs Ölkonzern Total S.A. gehörende Mutter fürchtet, dass Reach mit einer eher drei- als zweistelligen Summe auf die Erträge durchschlägt.

Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen gehen denn auch weit über die Chemie hinaus: 120 Mrd. Euro Wachstumsausfall wegen Reach errechnet eine von Arthur D. Little für den VCI erstellte Studie. Studien der französischen Union de l'Industrie Chimique (UIC), realisiert von Mercer Consulting, und Englands Chemical Industry Association (CIA) kommen zu analogen Ergebnissen. Sie sagen Wachstumseinbußen von bis zu 6 % der Wirtschaftsleistung ihrer Länder voraus. "So wie der Reach-Vorschlag aussieht, würde er Europas Industrie schwer schaden", sagt CIA-Geschäftsführerin Judith Hackitt.

"Das bedroht auch die nachgelagerten Branchen", sagt UIC-Generaldirektor Jean Pelin. Denn die neuen Reach-Pflichten treffen auch Anwender von Chemieprodukten, etwa die Automobilindustrie. So rechnet die Kölner Ford AG damit, künftig pro Jahr 25 000 Reach-Prüfberichte ausfüllen zu müssen.

"Der Reach-Entwurf ist für den Standort Europa ein erheblicher Wettbewerbsnachteil, da in praktisch allen konkurrierenden Regionen pragmatischere Regulierungen gelten", sagt Degussa-Vorstand Thomas Schoeneberg. Bis zu 40 % der in der Chemie produzierten und eingesetzten Stoffe, vor allem die in kleinen Mengen kursierenden, drohten vom Markt zu verschwinden.

So rechnet die Mercer-Studie damit, dass die Feinchemie in den kommenden Jahren bis zur Hälfte der Substanzen für die Pharma- und Kosmetikindustrie aus der Produktion nimmt. Bei Schwefel- und Bromverbindungen, etwa für Flammschutzmaterialien, sieht es ähnlich aus. Auch bis zu 40 % der Chemikalien für die Elektronikindustrie dürften laut Mercer in Europa nicht mehr rentabel herzustellen sein. Außerdem werde rund ein Viertel der Lackpigmente, Kunstharze und Plastikadditive in Europa vom Markt verschwinden.

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