Industriekonzern
ABB-Konzern poliert sein Ergebnis auf

ABB wird im dritten Quartal die Gewinnerwartungen der Analysten übertreffen. Der Schweizer Industriekonzern rechnet jetzt mit einem Reingewinn von einer Milliarde Dollar, die Experten hatten gut 900 Millionen Dollar erwartet. Grund für die positive Überraschung sind jedoch nicht etwa Absatzerfolge, sondern geringere Rückstellungen für rechtliche Risiken.

ZÜRICH. für ABB wirkte sich vor allem positiv aus, dass eine kürzlich von der Europäischen Union verhängte Kartellstrafe mit 33,75 Mio. Euro deutlich geringer ausfiel als befürchtet. Deshalb kann der Konzern jetzt Rückstellungen in Höhe von 380 Mio. Dollar auflösen und so sein Ergebnis aufpolieren. Die Börse reagierte zunächst kaum auf die Nachricht.

ABB hatte Ende 2008 Rückstellungen in Höhe von insgesamt 850 Mio. Dollar gebildet. Damit wollten sich die Schweizer gleich gegen eine ganze Reihe von rechtlichen Risiken absichern. Behörden in den USA und Europa ermitteln wegen Schmiergeldzahlungen. Zugleich stand ABB wegen Verstöße gegen das Kartellrecht am Pranger. Und schließlich muss der Konzern aus Zürich die Kosten für seine laufende Rosskur einkalkulieren.

„Das deutet darauf hin, dass der Konzern gute Fortschritte macht, um seine rechtlichen Probleme beizulegen“, sagte Alessandro Migliorini, Analyst beim Brokerhaus Helvea. Auch die angekündigten Kostensenkungen scheinen nach Ansicht des Experten auf gutem Weg, so dass ABB die avisierten Einsparungen von zwei Mrd. Dollar bis 2010 sogar noch übertreffen könne.

Neue Risiken drohen dem Konzern jedoch in Russland. Nach Angaben von Konzernsprecher Wolfram Eberhardt hat ABB „einen dreistelligen Millionenbetrag“ zurückgestellt, um eventuelle Steuernachforderungen zu begleichen. Eberhardt sprach von „fragwürdigen Praktiken“ der russischen Behörden bei der Berechnung der Mehrwert- und Einkommensteuer. Der Konzern will nun sein Geschäft in Russland überprüfen, zumal der dortige Markt zusammengebrochen sei. ABB erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund einer Mrd. Dollar in Russland. Abgesetzt werden dort vor allem Transformatoren. Außerdem besitzen die Schweizer ein Kabelwerk.

Wesentlich größere Hoffnungen setzt ABB dagegen auf die Märkte in Indien und China. Konzernchef Joe Hogan hatte auf einer Investorenkonferenz vor kurzem angekündigt, dass sein Unternehmen von den Strukturveränderungen in der Weltwirtschaft profitieren werde. Insbesondere der steigende Bedarf nach Energieeffizienz gerade auch in den Schwellenländern spiele ABB in die Hände. Der Konzern gilt als einer der führenden Anbieter von Energietechnologien weltweit und erhofft sich von einem Vorgehen der Staatengemeinschaft gegen den Klimawandel einen zusätzlichen Schub. Etwa die Hälfte der Verringerung von Treibhausgasen lässt sich nach Ansicht von ABB-Experten durch eine höhere Energieeffizienz erreichen.

Im vergangenen Jahr fuhr das Unternehmen in den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China Aufträge mit einem Gesamtwert von 8,5 Mrd. Dollar ein. Mehr als die Hälfte davon kam aus dem Reich der Mitte. Fast drei Viertel der zusätzlichen Bestellungen in den vergangenen fünf Jahren gehen auf das Konto von Schwellenländern. Insgesamt schätzt der Konzern das Marktpotenzial in den aufstrebenden Volkswirtschaften auf rund 125 Mrd. Dollar.

Konzernchef Hogan setzt aber nicht nur auf organisches Wachstum. „Wir halten Ausschau nach Kaufgelegenheiten“, sagte er vor Investoren. Allerdings haben das Sparprogramm, die Zahlung einer Dividende sowie Forschung und Entwicklung im Moment Vorrang.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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