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Industriekonzern: Siemens-Führung droht turbulente Aktionärsversammlung

Das Top-Management von Siemens muss auf der Hauptversammlung mit heftiger Kritik rechnen. Konzernchef Löscher und Aufsichtsratschef Cromme ringen mit steigenden Kosten und geplatzten Prestigeprojekten.

Schulterschluss: Siemens-Aufsichtsratschef Cromme (links) unterstützt Vorstandschef Löscher. Quelle: ap
Schulterschluss: Siemens-Aufsichtsratschef Cromme (links) unterstützt Vorstandschef Löscher. Quelle: ap

MünchenAuf dem „absteigenden Ast“ sieht Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt Siemens-Chef Peter Löscher zwar noch nicht. Bei der Hauptversammlung am Mittwoch will sie jedoch einige Probleme innerhalb des Münchner Konzerns offen ansprechen. „Wir zeigen ihm unsere Gewehre und Pistolen, aber wir schießen noch nicht“, kündigte die Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Anspielung auf den neuen Quentin-Tarantino-Western „Django Unchained“ an.

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Bergdolt und andere Kritiker werfen dem Vorstandsvorsitzenden vor, im Frühjahr 2011 das plakative Ziel von 100 Milliarden Euro Jahresumsatz als Ziel ausgegeben, dabei aber die Profitabilität aus den Augen verloren zu haben. Siemens steigerte seitdem zwar die Umsätze, gleichzeitig aber auch die Kosten.

Bilanzcheck zum Download Die Bringschuld des Siemens-Chefs

Noch erzielt Siemens ordentliche Gewinne, doch die Konkurrenten sind enteilt. Vorstandschef Peter Löscher muss die vielen Baustellen in den Griff bekommen. Die Analyse zur Lage des Mischkonzerns vor der HV am Mittwoch.

Der Gewinn sank: Nach 7,4 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2010/2011 verdiente Siemens von Oktober 2011 bis September 2012 mit seinen fortgeführten Aktivitäten noch knapp 5,2 Milliarden Euro. Das ursprüngliche Ziel verfehlte der Konzern damit um 800 Millionen Euro. Löscher steuerte gegen und kündigte bei der Bilanzvorlage im November an, bis 2014 sechs Milliarden Euro Kosten einzusparen. Für Bergdolt ist das zwar der richtige Weg, der Vorstandsvorsitzende damit aber noch längst nicht über den Berg. „Wir werden Löscher künftig daran messen“, sagte sie.

Das rückläufige Ergebnis ist aber nur einer von mehreren Kritikpunkten am 55-jährigen Siemens-Chef. So konnte der Konzern der Deutschen Bahn die versprochenen neuen ICE-Züge nicht wie geplant zum laufenden Winterfahrplan ausliefern. Als Grund führte Siemens Softwareprobleme an. Zwar belasten die Verzögerungen die Bilanz vergleichsweise wenig. Dafür leidet das Image des Konzerns.

Die Stärken und Schwächen von Siemens

  • Solide Kapitalstruktur

    Die Finanzschulden sind zum Ende des Geschäftsjahres 2011/12 im Vorjahresvergleich zwar gestiegen, die Bilanzrelationen bleiben aber solide. So lag die Nettoverschuldung zum 30. September 2012 bei 9,3 Milliarden Euro, 4,3 Milliarden über dem Vorjahr. Im Verhältnis zum Eigenkapital macht diese nun etwa 30 Prozent aus.

  • Umweltportfolio wächst

    Siemens sieht sich als Weltmarktführer bei Umwelttechnologien. Der Ausbau des grünen Portfolios ist seither eine Kernstrategie von Konzernchef Peter Löscher. Bislang mit Erfolg: Seit dem Geschäftsjahr 2007 ist der Umsatz des Umweltportfolios im Schnitt um 14 Prozent pro Jahr auf zuletzt gut 33,2 Milliarden Euro gestiegen. Das sind 42 Prozent des Konzernumsatzes. Bis 2014 sollen es über 40 Milliarden Euro werden.

  • Stabile Dividenden

    Die Dividenden-Rendite war bei Siemens über lange Jahre bescheiden. Erst Löscher hob die Ausschüttungsquote deutlich an. So können sich die Aktionäre auch in diesem Jahr freuen: Obwohl der Gewinn 2011/12 sank und der Konzern sparen muss, will Siemens eine stabile Dividende von drei Euro je Aktie bezahlen. Das entspricht einer Ausschüttungssumme von rund 2,5 Milliarden Euro. Bezogen auf den Gewinn nach Steuern liegt die Ausschüttungsquote bei 56 Prozent.

  • Margen bröckeln

    Für 2010/11 hatte Siemens ein operatives Rekordergebnis von mehr als neun Milliarden Euro vorgelegt. In Relation zum Umsatz entsprach das einer Rendite von 12,8 Prozent. Halten konnten die Münchener das Niveau nicht. Im abgelaufenen Geschäftsjahr schrumpfte die Marge wieder auf 9,5 Prozent.

  • Rückläufiger Auftragseingang

    Wichtige Konkurrenten wie General Electric wuchsen zuletzt oft schneller, auch weil sie akquisitionsfreudiger waren. Organisch sind kurzfristig bei Siemens keine Wachstumssprünge zu erwarten: Der Auftragseingang, Indikator für die Umsätze von morgen, sank im vergangenen Geschäftsjahr um 13 Prozent auf knapp 77 Milliarden Euro.

  • Sonderlasten drücken den Gewinn

    Probleme mit Großprojekten gelten als typische Siemens-Krankheit. Auch unter Vorstandschef Peter Löscher hat sich daran nicht viel geändert. Ärgerlichstes Beispiel 2011/12: Die Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz. Die Verzögerungen belasten den Konzern bislang mit 570 Millionen Euro. Die Verzögerungen im finnischen Atomkraftwerk Olkiluoto kosten ebenfalls seit Jahren viel Geld. Und die verspätete Auslieferung der neuen ICE-Generation könnte für Siemens laut Branchenschätzungen etwa 100 Millionen Euro teuer werden.

Auch bei grünen Energien, einem Prestigeprojekt Löschers, hakte es in der jüngsten Vergangenheit mehrfach. Der Kauf der israelischen Solarthermie-Firma Solel entwickelte sich als Flop. Nach dreistelligen Millionenverlusten bot Löscher Ende vergangenen Jahres das Solarengagement zum Verkauf an. Und beim Bau der Windparks in der Nordsee übernahm sich Siemens. Die Anbindung ans Stromnetz verzögerte sich immer mehr. Rund eine halbe Milliarde Euro musste Siemens deswegen abschreiben.

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