Industriekonzern
Thyssen-Krupp schleift Stahlsparte

Die einbrechende Stahlkonjunktur und explodierende Kosten zwingen Thyssen-Krupp zu einem drastischen Konzernumbau. Vorstandschef Ekkehard Schulz fokussiert das Unternehmen künftig auf zwei statt bisher fünf Säulen, wobei die wichtige Stahlsparte stark an Bedeutung verliert. Die beiden zuständigen Vorstände müssen gehen, Hunderte von Stellen fallen dem Umbau zum Opfer.

MARKUS HENNES

MARTIN MURPHY | DÜSSELDORF

Die einbrechende Stahlkonjunktur und explodierende Kosten zwingen Thyssen-Krupp zu einem drastischen Konzernumbau. Vorstandschef Ekkehard Schulz fokussiert das Unternehmen künftig auf zwei statt bisher fünf Säulen, wobei die wichtige Stahlsparte stark an Bedeutung verliert. Die beiden zuständigen Vorstände müssen gehen, Hunderte von Stellen fallen dem Umbau zum Opfer.

Der von der Rezession gebeutelte Stahlbereich wird gemeinsam mit den Segmenten Edelstahl und Dienstleistungen zum Bereich Materials zusammengeführt, die Aufzugssparte wird auf Technologies (Anlagenbau/Werften) verschmolzen. Das teilte Thyssen-Krupp gestern mit.

Der 67-jährige Schulz, der den Konzern seit 2001 allein führt, leitet damit den größten Konzernumbau seit der Fusion der beiden einstigen Rivalen vor zehn Jahren ein. Der Aufsichtsrat soll am 27. März über die Neuordnung entscheiden, von der sich Thyssen-Krupp Einsparungen von bis zu einer halben Milliarde Euro verspricht.

Einher mit dem Umbau geht eine Verkleinerung des Konzernvorstands. Stahl-Chef Karl-Ulrich Köhler und Jürgen Fechter, verantwortlich für das Edelstahlgeschäft, verlieren zum Monatsende ihren Job. Beide standen wegen der desolaten Entwicklung ihrer Geschäftsbereiche seit Monaten in der Kritik auch des Aufsichtsrats, wie es aus Kreisen des Kontrollgremiums heißt. Köhler wurden zudem die explodierenden Kosten für den Bau eines neuen Stahlwerkkomplexes in Brasilien sowie bei der Weiterverarbeitung in den USA angelastet. Außerdem habe der Stahlchef, verglichen mit dem Weltmarktführer Arcelor-Mittal, viel zu spät mit Produktionskürzungen auf die einbrechende Nachfrage reagiert.

Mit Köhlers Demission verkleinert sich auch der Kreis der Kandidaten für die Nachfolge von Schulz, der den Chefsessel im Januar 2011 räumen wird. Hoffnungen auf den Vorstandsvorsitz können sich nun Olaf Berlien, 46, und Edwin Eichler, 50, machen, die durch den Umbau gestärkt wurden. Eichler ist für die Division Materials zuständig und Berlien für Technologies. Außerdem noch im Rennen ist Alan Hippe, 42, der Anfang April von Continental zum Ruhrkonzern wechselt und das Finanzressort führen wird. So wie es im Moment aussieht, wird damit ab dem Jahr 2011 erstmals ein Manager an der Spitze stehen, der erst kurze Zeit im Konzern tätig ist. Berlien war im April 2002 von Carl Zeiss, Eichler im Oktober 2002 von Bertelsmann gekommen.

Dem größten deutschen Stahlkonzern setzen neben der Wirtschaftskrise interne Probleme zu. So haben sich die ursprünglichen Kosten für das Großprojekt in Brasilien auf 4,5 Mrd. Euro verdreifacht. Die Nettofinanzschulden verdoppelten sich im ersten Quartal 2008/09 auf 3,5 Mrd. Euro, der Free Cash-Flow war bereits im vergangenen Geschäftsjahr mit mehr als 900 Mio. Euro tiefrot. "Derzeit werden alle Kräfte darauf gelegt, frisches Geld in die Kasse zu bekommen", heißt es im Konzern.

Daher beschleunigt Thyssen-Krupp den Verkauf der Sparte Industrial Services, obwohl sich ein geringerer Verkaufspreis abzeichnet. Statt der vom Konzern erhofften eine Milliarde Euro würden die Gebote wohl nicht über 750 Mio. Euro liegen, erfuhr das Handelsblatt aus dem Konzernumfeld und Bieterkreisen. Als Grund wurden schlechtere Geschäftsaussichten für die Sparte genannt, die mit der Bau- und Autoindustrie Geschäfte macht. Zum Bieterkreis gehören sowohl strategische Investoren wie Bilfinger Berger als auch Private-Equity-Firmen.

Bereits Ende 2008 hatte Thyssen ein Sparprogramm aufgelegt, mit dem die Kosten um mehr als eine Milliarde Euro gesenkt werden sollen. Nun werden noch einmal 500 Mio. Euro draufgesattelt. Mehreren Hundert Mitarbeitern aus der Verwaltung und dem mittleren Management sollen Auflösungsverträge angeboten werden, hieß es. Die IG Metall warnt: "Der Umbau darf nicht zulasten der Belegschaft gehen."

Die Verschärfung des Sparprogramms zeigt, wie stark Thyssen unter Druck steht. Die Nachfrage nach Stahl ist im Januar und Februar weiter eingebrochen, zudem ringen die konzerneigenen Werften mit Auftragsstornierungen. Für das laufende Quartal stellte Schulz einen Verlust in Aussicht, ohne eine konkrete Zahl zu nennen. Thyssen-Krupp hofft nun auf eine Erholung in der zweiten Jahreshälfte, obwohl sich der Konzernumbau ergebnisbelastend auswirken wird. Ein Verlust nach Sondereffekten könne für das Gesamtjahr nicht ausgeschlossen werden, hieß es im Konzernumfeld. Vor Einmaleffekten prognostizieren Analysten für 2008/09 einen Gewinn vor Steuern von 260 Mio. Euro - rund 3,2 Mrd. Euro weniger als im Vorjahr.

"Mit der neuen Struktur kann Thyssen schneller auf Veränderungen am Markt reagieren", sagte ein Unternehmensberater. Die Sparten sollen unter den zwei Divisionen ein gewisses Maß an Eigenständigkeit behalten. Beispielsweise ist nicht die Schließung der Zentrale von Thyssen-Krupp Steel in Duisburg geplant. Allerdings würden Abteilungen wie Personal und Einkauf zusammengeführt.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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