Industriemesse
Hoffnungsschimmer über Hannover

Die Schlüsselbranchen Maschinenbau und Automobilzulieferer sehen nach einer beispiellosen Bergabfahrt die Talsohle erreicht. Nach einem Tiefpunkt erwarten deren Branchenverbände nun für die zweiten Jahreshälfte eine Erholung der Nachfrage, die sich zum Jahreswechsel beschleunigen soll. Dennoch stehen bis zu 165 000 Jobs auf der Kippe.

HANNOVER. Die Schlüsselbranchen Maschinenbau und Automobilzulieferer sehen nach einer beispiellosen Bergabfahrt die Talsohle erreicht. Nach einem Tiefpunkt erwarten deren Branchenverbände nun für die zweiten Jahreshälfte eine Erholung der Nachfrage, die sich zum Jahreswechsel hin beschleunigen soll. Trotz des Hoffnungsschimmers kann die Entwicklung nicht darüber hinwegtäuschen, dass Maschinenbau, Zulieferer und Elektroindustrie in diesem Jahr einen Umsatzrückgang im zweistelligen Prozentbereich verarbeiten müssen. Um diesen abzufedern, planen die Unternehmen den Abbau mehrerer Zehntausend Arbeitsplätze. Auf der Kippe stehen bis zu 165 000 Stellen.

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau erwartet nach der Stabilisierung zur Jahresmitte keine blitzschnelle Erholung. Dafür sei der bisherige Einbruch zu schnell gekommen und zu groß gewesen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, Hannes Hesse, auf der Hannover Messe. Für den weiteren Jahresverlauf rechnet er beim Auftragseingang mit niedrigeren Minusraten als die rund 50 Prozent, die es in den beiden ersten Monaten des Jahres gegeben hatte.

Das Aushängeschild des deutschen Exports hatte in den ersten beiden Monaten dieses Jahres einen Produktionsrückgang von 23 Prozent verkraften müssen. Für das Gesamtjahr erwartet die Branche einen Rückgang von zehn bis 20 Prozent.

Wann es wieder aufwärts gehen wird, traute sich der Verband nicht zu prognostizieren. "Mittelfristig sind Umwelt, Klima und Energie weiter weltweit Zukunftsmärkte. Hier kommt an der deutschen Technologie niemand vorbei", sagte Hesse.

Er stützt seine Hoffnung darauf, dass die Kunden ihre Lagerbestände abgebaut hätten und deshalb wieder bestellen müssten. Auch würden die eingeleiteten Konjunkturprogramme langsam wirken. Gute Aufträge erhalten die Maschinenbauer aus China, Indien und Brasilien. Hier werde in den Aufbau der Infrastruktur investiert, sagte Hesse. China ist inzwischen der weltweit größte Hersteller von Maschinen, doch liegt dies nach Ansicht von Hesse an dem riesigen Inlandsmarkt.

Die deutsche Elektroindustrie ist etwas weniger optimistisch als der Maschinenbau. Der Branchenverband ZVEI erwartet, dass die Talsohle beim Auftragseingang im laufenden oder im dritten Quartal erreicht wird. Anfang 2010 könne es aufwärts gehen, sagte ZVEI-Präsident Friedhelm Loh. Die Elektroindustrie ist in vielen Querschnittstechnologien präsent. "Wir werden deshalb auf jeden Fall eine der ersten Industriebranchen sein, in der sich ein Wiedererstarken der Industrieproduktion niederschlagen wird." Für das Gesamtjahr stellte Loh ein Umsatzminus von zehn Prozent in Aussicht. In den ersten beiden Monaten 2009 war der Auftragseingang um 37 Prozent gesunken.

BDI-Chef Hans-Peter Keitel warnte vor übertriebenen Erwartungen. Es gebe erste Anzeichen für eine Erholung, sagte er. "Aber ich sage das mit aller Vorsicht." Noch sei der Abschwung nicht zu einem Ende gekommen, habe aber an Geschwindigkeit verloren. In den kommenden zwei bis drei Monaten werde sich zeigen, ob die Talsohle erreicht sei. Als vordringlichste Aufgabe sieht er nun eine Stabilisierung der Bankenlandschaft. "Einen nachhaltigen Aufschwung gibt es nur mit einem gesunden Finanzsystem." Schließlich benötigten die Unternehmen Kredite, die bislang spärlich tröpfeln.

Ungeachtet der verbesserten Stimmung stehen die Firmen aber noch vor Einschnitten: "Die Unternehmen müssen ihre Hausarbeiten machen und die notwendigen Restrukturierungen vornehmen", sagte Alexander Malkwitz vom Marktforscher A.T. Kearney. Bislang können viele Unternehmen einen Stellenabbau umgehen, indem sie ihre Beschäftigten in Kurzarbeit schicken. Ende März arbeiteten 687 000 Menschen in Deutschland kurz. Die Unternehmen bereiten aber bereits den Abbau von Arbeitsplätzen vor, sagte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Zuliefererindustrie (AGZ), Theodor Tutmann. Bedroht sind nach seinen Worten rund 100 000 Stellen. Auch andere Branchen wollen das Messer ansetzen, um ihre Kosten den gesunkenen Nachfrage anzupassen. Die Elektroindustrie rechnet für 2009 mit einem Abbau von 20 000 bis 40 000 der insgesamt 827 000 Arbeitsplätze. Nach einer Umfrage des ZVEI von Mitte März planen 62 Prozent der Mitgliedsfirmen einen Stellenabbau und ebenfalls 62 Prozent nutzen die Kurzarbeit. Bei den Maschinen- und Anlagenbauer sollen 25 000 Mitarbeiter gehen. Im vergangenen Jahr hatte die Branche die Zahl der Stellen um 4,4 Prozent auf 976 000 gesteigert.

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