Industriespionage und Korruption
Boeing kauft sich von aller Schuld frei

Boeing hat mit einem Vergleich einen Schlussstrich unter einen Skandal gezogen, der das Unternehmen nicht nur viel Geld gekostet hat, sondern auch die Reputation. Es geht um Industriespionage und Korruption.

HB/je PORTLAND. In monatelangen Verhandlungen haben sich der führende US-Luftfahrt- und Rüstungskonzern und das amerikanische Justizministerium auf den Vergleich geeinigt, der die schwebenden Strafverfahren gegen das Unternehmen ausräumt. Boeing wird insgesamt 615 Mill. Dollar Bußgeld zahlen, wie beide Seiten am Montag mitteilten. Sie bestätigten damit einen Bericht des „Wall Street Journal“. Es ist die höchste Geldstrafe, die je gegen einen US-Rüstungskonzern verhängt wurde. Wie bei solchen Vergleichen üblich, gesteht Boeing eine Schuld weder ein, noch streitet sie der Konzern ab.

Die Verfahren rühren aus einer Reihe von Skandalen im Rüstungsbereich von Boeing, die zwei ehemalige leitende Angestellte bereits hinter Gitter brachten und den langjährigen Vorstandschef Phil Condit seinen Job kosteten. In einem Fall wurde Boeing beschuldigt, Ende der 90er-Jahre illegal interne Unterlagen von Lockheed Martin gekauft zu haben, um sich damit einen Vorteil im Wettbewerb um Regierungsaufträge für den Transport von Satelliten ins All zu verschaffen. Als der Verstoß ruchbar wurde, entzog die Regierung Boeing Satelliten-Aufträge im Wert von einer Milliarde Dollar und schlug sie Lockheed Martin zu.

In einem anderen Fall handelte Boeing mit einer Beschaffungsbeamtin im Pentagon einen lukrativen Anstellungsvertrag aus, während sie für die Zuteilung eines Milliardenauftrags für Tankflugzeuge für die Luftwaffe zuständig war. Die Beamtin, Darleen Druyun, gab zu, Boeing nicht nur bei dem Tankerauftrag, sondern auch bei verschiedenen anderen Rüstungsaufträgen bevorteilt zu haben, um für sich selbst und für ihre Tochter gut bezahlte Jobs bei Boeing zu sichern. Sowohl Druyun als auch der damalige Boeing-Finanzchef Mike Sears, der ihre Anstellung aushandelte, wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Der Tankflugzeugauftrag, den Boeing erhalten hatte, obwohl Wettbewerber Airbus billiger war, sah ursprünglich das Leasing von 100 Maschinen für 26 Mrd. Dollar vor. Wegen der hohen Kosten regte sich Widerstand im Kongress, und Ermittlungen der Justiz und des Pentagon führten schließlich zur Aufdeckung des Bestechungsskandals. Die Luftwaffe legte den Tankerauftrag, der die Produktion des Typs B767 sichern sollte, für unbestimmte Zeit auf Eis.

Der Vergleich ist ein Sieg für Boeing-Chef Jim McNerney. Ursprünglich forderte das Justizministerium eine Geldstrafe von 750 Mill. Dollar. Überdies umfasst die Einigung im Hinblick auf die Industriespionage auch Satellitentransporte für die US-Weltraumbehörde Nasa. Die Vermeidung eines Schuldeingeständnisses erschwert private Schadensersatzklagen von Wettbewerbern, weil sie vor Gericht die Schuld von Boeing nachweisen müssten.

Die Skandalserie im Rüstungsgeschäft legte in dem Konzern eine Unternehmenskultur bloß, in der alles erlaubt schien. Vorstandschef Harry Stonecipher, als Nachfolger von Condit aus dem Ruhestand geholt, stolperte nach nur einem Jahr über eine Frauenaffäre. McNerney, der den Chemieriesen 3M leitete und im Aufsichtsrat von Boeing saß, war bereits als Nachfolger von Condit im Gespräch. Doch selbst nach dem Rücktritt von Stonecipher dauerte es noch Monate, bis sich McNerney für den Spitzenjob erwärmte.

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