Inside: Akzo Nobel
Überzeugungsarbeit

Was ist der wirklich angemessenen Preis für die Übernahme des britischen Chemiekonzerns Imperial Chemical Industries (ICI)? Um die Beantwortung dieser Frage pokern derzeit nicht nur Akzo Nobel als Käufer und ICI als Objekt. Auch Analysten äußern sich inzwischen ebenso kritisch wie einige Akzo-Aktionäre.

FRANKFURT. Einige Akzo-Aktionäre halten das Angebot des niederländische Chemiekonzerns für ICI über 650 Pence pro Aktie oder insgesamt 11,5 Milliarden Euro für überzogen. Das wäre etwa das Dreizehnfache des Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda). Chemieunternehmen werden derzeit etwa mit dem Acht- bis Neunfachen ihres Ebitda bewertet. Selbst die Börse bewertet einen ICI-Anteilsschein derzeit geringer. Akzos Erklärung dazu: „Da meinen wohl einige, dass wir unser Angebot selbst nicht ernst nehmen.“

Was sind also die Motive für Akzo Nobel? Einmal schlummert nach dem Verkauf der Pharmaaktivitäten (Organon) sehr viel Geld in Akzos „Kriegskasse“ – rund elf Milliarden Euro. Bevor Akzo damit selbst zum Übernahmeobjekt beispielsweise von Finanzinvestoren wird, muss das Management handeln. Und das Angebot an passenden Objekten ist durchaus überschaubar. Eine Übernahme der niederländischen Sigmakalon-Group kommt nicht in Frage. Kartellrechtliche Probleme würde es geben, außerdem wären die Ergänzungen sehr gering, lautet die Begründung aus Arnheim. Somit hat Akzos größter Konkurrent, der US-Konzern PPG Industries, gute Chancen, sich mit dem 2,2 Milliarden Dollar teuren Kauf von Sigmakalon im Heimatland Akzos breit machen können.

Doch im weltweit rund 90 Milliarden Dollar schweren Markt für Farben und Lacke („Coatings“) sind die Marktanteile selbst bekannterer Hersteller gering. Akzo als Weltmarktführer kommt derzeit mit seinem Farbenumsatz von 7,6 Milliarden Dollar auf einen Anteil von nur acht Prozent. Mit der Coatings-Abteilung von ICI würde Akzo auf einen zweistelligen Marktanteil kommen. Das wiederum dürfte den Konkurrenten Dupont und BASF, die Nummern drei und vier im weltweiten Lackgeschäft, nicht in den Kram passen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, sie könnten eine Gegenofferte für ICI abgeben.

Größe allein kann allerdings nicht das Motiv sein. In dem weltweit zerfaserten, von vielen mitunter auch regional sehr starken Herstellern geprägten Coatingsmarkt will Akzo mit dem Kauf von ICI dort seine Position verbessern, wo die Niederländer noch nicht stark vertreten sind: In Nordamerika und in Asien.

Die USA sind mit großem Abstand der weltweit größte Markt für Farben und Lacke – allein schon, weil ein privater Haushalt in den USA jährlich im Schnitt 169 Dollar für farbliche Veränderungen oder zum Schutz der Sache ausgibt. Indien, Indonesien und China als die größten Märkte Asiens versprechen dagegen – ausgehend von derzeit 20 Dollar je Haushalt – mit jährlichen Zuwachsraten von acht Prozent die größte Wachstumsdynamik. Allein schon die Vorstellung, dass riesige Projekte in China – der Olympiapark in Peking, das Worldexpogelände in Schanghai oder die Infrastruktur für die Asian Games in Guanzhou – mit Farben ansehnlicher gemacht und gegen Umwelteinflüsse geschützt werden müssen, lässt nicht nur Akzo Nobel sehr zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Doch auch das rechtfertigt nicht einen überhöhten Kaufpreis. Erst mit der Hilfe des Konsumgüterherstellers Henkel kann sich das Angebot für Akzo wirklich rechnen. Die Düsseldorfer sind an den Bereichen Klebstoffe und Electronic Materials interessiert und offenbar bereit, dafür drei Milliarden Euro auf den Tisch zu legen. Mit diesem Argument könnte Akzo-Chef Hans Wijers seine Kritiker überzeugen.

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