Inside Alcoa
Kleinfelds Agenda

Der Empfang an der Börse fiel alles andere als freundlich aus: Klaus Kleinfelds überraschende Berufung zum Kronprinzen von Alcoa änderte nichts an der Talfahrt der Aktie. Hatten die Börsianer ihn etwa nicht als denjenigen in Erinnerung, der ganz im Sinne der Wall Street agiert?

NEW YORK. Erst nach Tagen erwärmen sich Investoren wieder für den US-Aluminiumkonzern, dessen Kurs innerhalb weniger Wochen von fast 49 Dollar auf 31 Dollar abgesackt war. War da nicht der amerikanisch geprägte Klaus Kleinfeld, der Siemens wie ein Portfoliomanager umkrempelte und den Börsenwert innerhalb kurzer Zeit in die Höhe trieb?

Der Aluminiumkonzern Alcoa ist mit seinen 30 Milliarden Dollar Umsatz zwar nicht annähernd so groß wie Siemens, aber ähnlich verschachtelt. Neben Produkten aus Aluminium vertreibt der US-Konzern auch Räder, Befestigungssysteme, Präzisions- und Feinguss sowie Bausysteme. Konzernchef Alain Belda muss seit Jahren Prügel dafür einstecken, dass er noch immer an schwächer laufenden Sparten festhält, etwa an der Produktion von Alufolie.

Die Kritiker sind nicht leiser geworden, seit der 64-Jährige vor Wochen mit einem Übernahmeversuch scheiterte. Nachdem er mit der Unternehmensspitze des kanadischen Erzrivalen Alcan zwei Jahre lang erfolglos über eine Fusion verhandelt hatte, ging Belda in die Offensive – feindlich: Alcoa bot Alcan-Aktionären 28,6 Milliarden Dollar, doch den Zuschlag erhielt der Bergwerkskonzern Rio Tinto mit einer zehn Milliarden Dollar höheren Offerte. Das war eine empfindliche Niederlage, insbesondere für Belda. Dass der seinen Posten bald zur Verfügung stellen wird, daran lässt der Konzern nach Kleinfelds jüngster Ernennung zum Chief Operating Officer kaum einen Zweifel.

Der 49-Jährige wäre damit der erste Deutsche an der Spitze eines großen US-Konzerns. Kleinfeld kennt die Probleme am Alcoa-Stammsitz New York, er ist seit Jahren Mitglied des Boards.

Die 1888 in Pittsburgh gegründete Traditionsfirma sitzt in der Kostenklemme, der Druck von Alu-Herstellern aus China und Russland ist dramatisch gewachsen. Vor einem Jahr schlossen sich die russischen Konzerne Rusal und Sual zusammen, sie lösten Alcoa als weltweit größten Produzenten ab. In einer Industrie, in der Skaleneffekte eine entscheidende Rolle spielen, ist der US-Konzern in die Defensive geraten. Inzwischen wird Alcoa selbst als Übernahmekandidat gehandelt. Rohstoffkonzerne wie die australische BHP Billiton sitzen nach jahrelanger Hausse auf Milliardengewinnen und suchen Verstärkung – auch im Alugeschäft.

Im derzeitigen Banken-Umfeld, das Firmen den Zugang zu Fremdkapital erschwert, gilt ein schneller Alcoa-Deal indes als kaum realisierbar. Nicht zuletzt diese enttäuschten Anleger-Hoffnungen beschleunigten den jüngsten Ausverkauf der Alcoa-Aktie. Hinzu kommt, dass etwa BHP Billiton kein großes Interesse am gesamten Portfolio von Alcoa nachgesagt wird. Deshalb war erwartet worden, dass sich potenzielle Angreifer mit Private-Equity-Firmen zusammentun, um den Konzern gemeinsam zerlegen zu können. Das alles muss wohl warten, bis die Finanzmarktkrise vorüber ist.

Kleinfeld könnte das die nötige Zeit geben, um Alcoa für den globalen Ausleseprozess der Branche besser zu positionieren. Dass er bei schwach laufenden Firmensparten nicht lange fackelt, hat er bei Siemens mehr als deutlich unter Beweis gestellt. Das Problem für Alcoa: Je konsequenter Kleinfeld aufräumt im Portfolio des Alu-Riesen, umso schneller wachsen die Begehrlichkeiten der Rohstoffkonzerne. Die Chance, die Konsolidierung im Markt aktiv vorantreiben zu können, hat Alcoa wohl bereits verspielt.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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