Inside: Amgen
Neue Realität

Im Golf von Mexiko hat die Hurrikan-Saison gerade erst begonnen. Einige Tausend Meilen westlich, in der Zentrale des kalifornischen Biotech-Konzerns Amgen, ist sie gewissermaßen schon voll im Gange. In wenigen Monaten haben sich über dem größten biopharmazeutischen Unternehmen der Welt dunkle Wolken zusammengebraut und den Aktionären einen Wertverlust von mehr als einem Drittel beschert.

FRANKFURT. Zwei der wichtigsten Umsatzträger von Amgen, die Epo-basierten Medikamente Epogen und Aranesp, werden in Kürze neue Konkurrenz in Europa erhalten. Zudem sind sie durch Studien unter Druck geraten, die gegen einen hoch dosierten Einsatz bei Dialyse-Patienten und auch gegen den Einsatz bei vielen Krebspatienten sprechen. Ende Juli musste das Management des Konzerns einräumen, dass die bisherigen Umsatz- und Ertragsplanungen nicht mehr zu halten sind.

Amgen-Chef Kevin Sharer sprach von einer „neuen Realität“ und kündigte den Abbau von mehr als zwölf Prozent aller Stellen sowie massive Investitionskürzungen an. Aus Sicht mancher Branchenkenner gerät der Konzern damit zusehends in die Rolle eines schwächelnden Übernahme-Kandidaten.

Die neue Realität bei Amgen freilich ist eine alte Realität für „Big Pharma“. Fast alle etablierten Pharmariesen kämpften in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit Schwächephasen im Wachstum und einem Mangel an Neuentwicklungen – oder tun es noch immer. Nach dem stürmischen Aufstieg unter die Top ten der Arzneimittelhersteller lernt nun auch Amgen diese Schattenseiten des Pharmageschäfts kennen.

Erfahrungen der Branche wie auch die konkreten Daten bei Amgen relativieren freilich das Ausmaß der „Krise“ bei dem US-Konzern. Bislang geht es bei dem Biotechriesen nur um eine Korrektur der Wachstumsraten, nicht um einen echten Umsatz- und Gewinneinbruch. Legt man die Zahlen vom zweiten Quartal zu Grunde, wird Amgen die Einbußen im Epo-Geschäft durch Zuwächse bei anderem Produkten, insbesondere beim Rheumamedikament Enbrel, weitgehend oder vollständig kompensieren. Obwohl die Erlöse von Aranesp um gut ein Zehntel schrumpften, legte der Gesamtumsatz im Quartal immerhin noch um drei Prozent auf 3,7 Milliarden Dollar zu. Die Ertragsprognose für das Gesamtjahr wurde nur moderat reduziert und sieht auf vergleichbarer Basis noch ein Plus von etwa sieben Prozent vor.

Gemessen an den bisherigen Zuwachsraten von mehr als 20 Prozent ist das bescheiden, aber betriebswirtschaftlich gewiss noch keine Katastrophe. Trotz der Schwächen im Epo-Geschäft gehört Amgen nach wie vor den renditestärksten Vertretern des Pharmasektors. Zusätzliche Ertragsreserven von mehr als einer Milliarde Dollar hofft Konzernchef Sharer mit seinem eilig zusammengeschnürten Sparprogramm zu erschließen.

Mit einem frei verfügbaren Cash-Flow von derzeit drei bis vier Milliarden Dollar pro Jahr verfügt der US-Konzern zudem über beträchtlichen Spielraum, um sich neue Produkte und Wachstumschancen einzukaufen. Eine Serie von kleineren Zukäufen im Biotechsektor zeigte in den vergangenen Monaten, dass man in dieser Hinsicht einiges investieren will.

Ob Sharer Amgen mit diesen Standard-Rezepten aus der Pharmawelt tatsächlich aus dem Merger-Geschehen heraushalten und zurück auf Expansionskurs bringen kann, bleibt abzuwarten. Immerhin haben Beispiele wie Merck & Co oder Schering-Plough in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es machbar ist.

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