Inside: Arcelor Mittal
Hart am Limit

Gerade mal sechs Monate sind vergangen, seit Mittal Steel den luxemburgischen Konkurrenten Arcelor geschluckt hat, schon vermeldet der Stahlgigant bereits die nächste Übernahme. Seit Juli weht beim weltweit größten Stahlproduzenten ein anderer Wind.

DÜSSELDORF. Gerade mal ein Drittel der Zeit, die die Integration der beiden weltgrößten Stahlproduzenten mit ihren so grundverschiedenen Führungskulturen voraussichtlich beanspruchen wird, ist verstrichen. Doch ausgerechnet mitten in diesem schwierigen Phase, der enorme Management-Kapazitäten bindet, meldet Arcelor Mittal bereits die nächste Übernahme: Für umgerechnet 1,1 Mrd. Euro kauft sich der Branchenprimus den mexikanischen Langstahlproduzenten Sicartsa. Durch die Wiedervereinigung mit der Mittal-Tochter Lázaro Cárdenas nach 15 Jahren entsteht der neue Marktführer des Landes.

Angelsächsische Analysten sind von der Akquisition begeistert. Sie zeige, dass der inzwischen von der Familie Mittal beherrschte Stahlgigant willens und in der Lage ist, auf dem Integrationspfad weiter voranzugehen, ohne den Wachstumspfad zu verlassen. Gewiss, die Managementqualitäten von Großaktionär und Konzernchef Lakshmi Mittal sind unbestritten. Der 56-Jährige hat sich in den vergangenen 30 Jahren ein weltweites Stahlimperium zusammengekauft und daraus eine schlagkräftige Einheit geformt.

Auch bei Arcelor weht seit Juli nun ein anderer Wind. Das Tempo sei deutlich höher geworden, berichten hochrangige Mitarbeiter. Entscheidungen fallen heute schneller, weil die Abstimmungsprozesse kürzer geworden sind.

Gleichwohl ist der Kauf von Arcelor schon ein anderes Kaliber, besonders in finanzieller Hinsicht. Am Ende eines harten Kampfes musste Mittal 26 Milliarden Euro für Arcelor bezahlen. Die Kauf des Luxemburger Konkurrenten wurde damit um mehr als 40 Prozent teurer als ursprünglich geplant. Für die bislang teuerste Akquisition in der Stahlindustrie hat sich Mittal hoch verschuldet. Am Ende des dritten Quartals hatte der Konzern nach Abzug der Barmittel in Höhe von 5,9 Mrd. Euro noch Nettofinanzschulden in Höhe von 18,2 Mrd. Euro in der Bilanz. Zur gleichen Zeit war der größte deutsche Stahlhersteller Thyssen-Krupp schuldenfrei, der niedersächsische Konkurrent Salzgitter hatte sogar einen Barmittelüberschuss von mehr als zwei Milliarden Euro in der Kasse.

Um die Finanzmärkte zu beruhigen und das immer noch befriedigende Kreditrating nicht zu gefährden, setzte Finanzchef Aditya Mittal eine Verschuldungsobergrenze für den Konzern: Im Laufe des Jahres 2006, versprach er, würden die Nettofinanzschulden von Arcelor Mittal nicht über das 1,8-fache des voraussichtlichen Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) steigen.

Für das Gesamtjahr strebt Arcelor Mittal ein Ebitda von zwölf Mrd. Euro an. Momentan beträgt die Verschuldungsrate des Konzerns also nur 1,52. Anders ausgedrückt: Arcelor Mittal würde auf dem Papier nur etwas mehr als 1,5 Jahre benötigen, um aus dem laufenden Ergebnis heraus die Schulden komplett zu tilgen. Mehr noch: Ohne die Verschuldungsgrenze zu brechen, könnte Mittal sogar noch gut drei Mrd. Euro Schulden zusätzlich anhäufen.

Mit den 1,1 Mrd. Euro für Sicartsa wird das Limit also noch eingehalten. Fest steht aber auch, dass eine weitere Großakquisition derzeit nicht drin ist, denn die von der brasilianischen Börsenaufsicht erwirkte Abfindung der Minderheitsaktionäre von Arcelor Brasil schlägt mit mehr als zwei Mrd. Euro zu Buche.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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