Inside: BG Group
Der stille Energie-Star

Zu klein, um zu den Multis zu zählen, aber zu groß und weit gefächert, um in der Masse der Explorationsfirmen unterzugehen – die BG Group nimmt in der Energiebranche eine Sonderstellung ein. Nicht zu ihrem Schaden: Dank kluger Strategie hat sie sich zu einem stillen Star des Sektors entwickelt.

LONDON. Die Buchstaben BG stammen von British Gas, doch mit dem früheren Gasmonopol hat das Unternehmen heute kaum noch etwas gemein. 1997 trennte die Privatisierung den Explorations- und Produktionsarm BG von dem Versorger Centrica, der unter der Marke British Gas heute der führende Gas- und Stromversorger britischer Haushalte ist. 2000 spaltete die Regierung auch noch das Gas- und Stromleitungsnetz ab, das heute als National Grid firmiert.

BG nutzte die Freiheit und eroberte neue Märkte. Mit Förderprojekten in Ländern wie Brasilien, Indien, Kasachstan, Ägypten und Trinidad und Tobago reduzierte das Unternehmen rasch die Abhängigkeit von den angestammten Feldern in der Nordsee, die heute nur noch ein Achtel seiner Reserven ausmachen. Heute ist BG in sechs Regionen der Welt als Produzent, Transporteur und Vermarkter von Gas und Öl vertreten und betreibt sogar eigene Gaskraftwerke zur Stromerzeugung. Das Unternehmen ist also ein integrierter Energiekonzern wie die Großen der Branche, konzentriert sich aber mit drei Vierteln der Produktion stark auf Gas.

Als kluger Schachzug erwies sich, dass BG früh auf das LNG-Geschäft setzte. Dabei wird Erdgas verflüssigt, per Tankschiff zum Abnehmermarkt gebracht und dort im Hafen wieder in Gas umgewandelt. Mit einem Anteil von 37 Prozent ist BG heute LNG-Marktführer in den USA. Und der operative Gewinn in diesem Segment stieg im ersten Halbjahr fast um das Dreifache.

Wie alle in der Branche profitiert BG stark von den hohen Öl- und Gaspreisen. Der Umsatz, der 2005 umgerechnet acht Milliarden Euro betragen hatte, wuchs im ersten Halbjahr um zwei Drittel, der Betriebsgewinn sogar um drei Viertel. Ähnlich hohe Gewinnsprünge gelingen den Ölmultis auch. BG aber steigert zugleich die Produktion und den Bestand an Reserven so schnell wie kein anderes größeres westliches Energieunternehmen. Von 2003 bis 2005 hat es 50 Prozent mehr Reserven gefunden, als es durch Produktion aufgebraucht hat – die großen Ölkonzerne kämpfen schon damit, ihre Produktion voll zu ersetzen.

Im Vergleich zu den Explorationsspezialisten arbeitet BG andererseits mit einer der günstigsten Kostenstrukturen. Beides zusammen lässt die Briten profitabel wachsen und macht sie weniger anfällig für Schwankungen des Ölpreises. Ein Nachteil bleibt jedoch, dass BG deutlich kleiner ist als die großen integrierten Konkurrenten, so dass der Ausfall einer Produktionsstätte die Briten vergleichsweise härter treffen würde.

BG wäre mit seiner starken Projekt-Pipeline und seiner Konzentration auf Gas also eine höchst attraktive Ergänzung für einen der Energieriesen. Das gilt insbesondere für Royal Dutch/Shell, die Probleme haben, genügend neue Reserven aufzutun. So tauchten denn auch in den vergangenen Monaten immer wieder Spekulationen an der Londoner Börse auf, dass BG zum Übernahmeziel werde. Bisher hat sich das nicht bestätigt, und Analysten rechnen auch eher damit, dass ein potenzieller Käufer auf sinkende Öl- und Gaspreise wartet, um zuzuschlagen. Schließlich ist die BG-Aktie in drei Jahren um 143 Prozent im Kurs gestiegen, während Shell und BP nur je gut ein Drittel zulegten. Mit 33 Milliarden Euro Börsenwert ist BG ein großer Bissen geworden.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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