Inside: British Airways
Vom Gepäckband gefallen

Der Start des mit großer Fanfare angekündigten Terminal 5 in London-Heathrow wird in die Luftfahrt-Geschichte eingehen – allerdings anders als gedacht. Das Chaos auf dem Flughafen wird vor allem Spuren hinterlassen beim einzigen Nutzer des Terminals: British Airways.

Geschäftsreisende werden noch in Monaten in der Lounge über die Nacht im Terminal erzählen; Urlauber werden mit Horrorgeschichten über Skiurlaube ohne Ski oder Schneeanzug ins Büro zurückkehren. Irgendwann jedoch, so hofft British- Airways- Chef Willie Walsh, wird der chaotische Start vergessen sein. Im Vordergrund wird dann stehen, dass BA auf Europas passagierreichstem Flughafen endlich ein Reiseeerlebnis aus dem 21. Jahrhundert bietet.

Die Frage ist nur, ob Walsh dann noch im Cockpit von Europas drittgrößter Fluggesellschaft mit umgerechnet neun Milliarden Pfund Umsatz und knapp drei Milliarden Pfund Börsenwert sitzen wird. Die öffentliche Empörung über die Pannen bei der Terminal-Eröffnung schlägt in Großbritannien hoch. Wirtschaftsvertreter und Politiker sprechen von einer schlimmen Blamage für das Land. Auch fünf Tage nach dem Start hatte BA die Abläufe nicht im Griff. Wieder Flüge abgesagt, der Gepäckberg ist nun 20 000 Koffer hoch.

Für Walsh rächt sich nun, dass er seine Strategie seit seinem Amtsantritt im Herbst 2005 voll auf den Einzug ins Terminal 5 ausgerichtet hat. Endlich ein vorzeigbares Kundenerlebnis und moderne Arbeitsabläufe – das propagierte er als Doppelziel der neuen Heimatbasis. Es gelang ihm auch, die Voraussetzungen für eine neue BA mit zehn Prozent Umsatzrendite zu schaffen: Er bereinigte konsequent das Streckennetz, fand eine Lösung für das ausufernde Pensionsdefizit und setzte gegen den Widerstand der Gewerkschaften Kostensenkungen durch.

Doch am vergangenen Donnerstag, in der Stunde Null, fiel Walshs Strategie quasi vom Gepäckband. Als direkte Folge hat er viele Kunden verprellt und dem Image von BA tiefe Kratzer verpasst. Analysten schätzen die Verluste aus den Chaostagen auf 15 bis 50 Millionen Pfund. Die ersten reagierten schon mit Verkaufsempfehlungen, doch bisher hat die BA-Aktie kaum nachgegeben. Eine weitere direkte Folge wird sein, dass sich die Konflikte mit den Gewerkschaften wieder zuspitzen. Funktionäre machten sofort den Sparkurs für das Koffer-Desaster verantwortlich. Es wird nun wohl länger dauern, bis BA die erhofften Effizienzgewinne aus dem neuen Terminal ziehen kann.

Während die direkten Folgen dadurch abgemildert werden, dass BA wohl die Jahresprämie für die Belegschaft spart, könnten die indirekten Folgen stärker schmerzen. Der Imageverlust kommt ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem dank Open-Skies-Abkommen neue Konkurrenten Flüge von Heathrow in die USA anbieten. Dadurch könnte BA nun mehr Kunden verlieren als erwartet. Noch dazu rücken die steigenden Treibstoffpreise das Zehn-Prozent-Ziel in weite Ferne. Die Flucht in eine Übernahme ist unwahrscheinlich: Bei Iberia bremst Madrid und beim britischen Konkurrenten BMI wird die Lufthansa wohl ihr Vorkaufsrecht nutzen. Wenn die Deutschen nicht gleich direkt BA ins Visier nehmen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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