Inside: British Energy
Zweiter Frühling

Der Betrieb von Atomkraftwerken war bisher auf dem entflochtenen und liberalisierten britischen Energiemarkt kein sonderlich attraktives Geschäft. Entsprechend krisenhaft verlief die Unternehmensgeschichte ihres privaten Betreibers British Energy. Doch nun ist Aschenputtel unverhofft zur begehrten Braut geworden.

Vor fünf Jahren erreichte British Energy den Tiefpunkt, als die Regierung den Betreiber der meisten britischen Kernkraftwerke mit einem Rettungspaket von fünf Mrd. Pfund (heute 6,5 Mrd. Euro) vor dem Kollaps bewahren musste. Seither unterlag der Aktienkurs von British Energy starken Schwankungen, weil immer mal wieder einer der in die Jahre gekommenen Reaktoren außerplanmäßig vom Netz musste.

Doch neuerdings vergeht keine Börsenwoche, ohne dass die Händler in London einen neuen Bräutigam für die Braut ins Auge fassen. Mal war es die französische EdF, mal der größte britische Gasversorger Centrica, mal Eon und zuletzt nun RWE. Der Börsenwert von British Energy stieg auf knapp sechs Mrd. Pfund.

Es gibt mehrere Gründe für den Anstieg des Aktienkurses um fast die Hälfte seit Anfang 2007. Der eine ist, dass Vorstandschef Bill Colby, ein Veteran der US-Nuklearindustrie, seit 2005 die Leistung des Unternehmens verbessert hat. Dann sind die Großhandelspreise für Strom ordentlich gestiegen. Doch vor allem ist es das klare Bekenntnis der britischen Regierung zum Bau neuer Atomkraftwerke, das British Energy einen kaum mehr erwarteten zweiten Frühling beschert.

Die Labour-Regierung weiß, dass sie ihre Klimaschutzverpflichtungen nur einhalten kann, wenn sie bei der Erneuerung des Kraftwerksparks neue Atomreaktoren zulässt. Sie duldet den Bau nicht nur, sie unterstützt ihn. Hier kommt nun British Energy eine Schlüsselrolle zu: Nach einhelliger Meinung aller Experten werden neue Reaktoren nur auf dem Gelände bestehender Atomkraftwerke durchsetzbar sein.

Vergangene Woche gab Wirtschaftsminister John Hutton dem Unternehmen weiteren Rückenwind, als er ankündigte, dass die Regierung nicht mehr auf einen Mindestanteil von 29,9 Prozent an British Energy bestehen wolle.

Das erklärt die aufgeheizte Börsenspekulation, doch es ist kaum zu erwarten, dass die Regierung ihre restlichen Anteile en bloc an einen einzelnen Energieversorger verkaufen wird. Schließlich haben doch mehrere Stromkonzerne, darunter EdF und Eon, Interesse am Bau neuer Atommeiler bekundet. Wahrscheinlicher ist, dass die Regierung kleine Pakete verteilt oder alles über die Börse verkauft, wie im vergangenen Jahr, als sie ein 28-Prozent-Paket streute.

Aus Sicht eines Käufers wäre das operative Geschäft von British Energy nicht unattraktiv. Die Umsatzrendite von 18 Prozent kann sich sehen lassen, auch wenn der Gewinn zuletzt sank. Der Konzern liefert ein Sechstel des britischen Stroms und verkauft fast die Hälfte davon an Großkunden. Doch sieben der acht Atommeiler erreichen innerhalb der nächsten 15 Jahre ihre Altersgrenze. Sie nutzten 2007 nur noch 58 Prozent ihrer Kapazität.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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