Inside: Clariant
Zu viel ist zu viel

Der Paukenschlag ist noch nicht verhallt. Der Schweizer Spezialchemiehersteller Clariant hat in der vergangenen Woche ein miserables Quartalsergebnis vorgelegt. Sinkender Betriebsgewinn und hohe Restrukturierungskosten entsetzen Aktionäre. Der Kreislauf, in dem sich Clariant befindet, scheint fatal.

ZÜRICH. Sie hören von Clariant seit Jahren die gleiche Klage: Margendruck erzwingt Gesundschrumpfen. Jetzt haben die Anleger die Nase voll und steigen aus. Die Aktie gab bis zu 15 Prozent nach. Mit einem Minus von 36 Prozent ist Clariant der Jahresverlierer im Schweizer Aktien-Top-Segment SMI.

Die erst seit anderthalb Jahren agierende Konzernführung um Jan Secher muss sich fragen lassen, welche Daseinsberechtigung eigentlich ein Konzern hat, der seit sieben Jahren nicht aus der Krise kommt. Verbesserungsvorschläge sind schon reichlich eingereicht, etwa der mit Ciba zusammenzugehen, dem anderen Chemiehersteller aus dem Basler Gebiet. Was Ciba davon hat, weiß allerdings niemand. Ein Wettbewerber weniger und ein paar Skaleneffekte dürften kein Grund für Ciba sein, sich jene Probleme erneut aufzuhalsen, derer man sich gerade ein Stück entledigt hatte.

Der Kreislauf, in dem sich Ciba noch ein bisschen und Clariant ganz besonders befinden, scheint fatal. Die Einkaufspreise für Rohchemikalien und Energie verteuern sich stetig. Die Kunden aber zeigen den Unternehmen die kalte Schulter, wenn die Hersteller ihre steigenden Kosten einfach weitergeben wollen. Dazu ist ihnen vor allem Clariants Produktpalette einfach nicht exklusiv genug.

Kein Wunder: Clariant kauft an die 6 000 verschiedene Rohstoffe ein. Daraus machen rund 21 000 Mitarbeiter auf mehr als 100 weltweit errichteten Anlagen 50 000 verschiedene Produkte für Branchen, die wie die Textilherstellung und die Elektronikindustrie herzlich wenig miteinander zu tun haben. Clariants eigene Zukäufe haben sich zudem als Wertvernichter herausgestellt. Der Basler Konzern war auf dem Höhepunkt des Börsenbooms im Jahr 2000 durch die rund zwei Milliarden Euro schwere Übernahme des britischen Feinchemiekonzerns BTP in eine Schieflage geraten, aus der er sich bis heute nicht befreien konnte.

Zu viele Produkte, zu wenig Marktmacht, zu wenig Innovatives – das ist den Anleger zu viel. Was nun?

Die Antwort, die sich Clariant verordnet hat, lautet: Wer durch die Hölle geht, muss weitergehen. Clariant schrumpft. Die laufenden Restrukturierungen sind tatsächlich bitter nötig, um die Kapazität zu reduzieren. Aber: Vertrauen lässt sich damit nicht zurückgewinnen. Der erste Sparplan ist schließlich fünf Jahre alt. Und Anzeichen einer Gesundung lassen bis heute auf sich warten.

Clariant-Chef Secher hat darüber hinaus in seiner Not angekündigt, für die besonders margenschwachen Produkte eine neue Geschäftseinheit namens "Base Products“ schaffen zu wollen. Der Bereich soll offenbar eine Art Aldi der Chemiebranche werden und die Konkurrenz unterbieten. Sich nur über den Preis zu verkaufen, ist allerdings heikel. Meist gibt es jemanden, der einen unterbietet. Und die Discounter-Strategie passt auch nicht zu Clariant, das in anderen Sparten weiter hochpreisige Produkte anbieten will.

Mehr gefragt als diese kosmetischen Übungen wäre eine grundlegende Operation. Dabei ist alles möglich: von einer Aufspaltung des Unternehmens und den Verkauf in Teilen, bis zu einer Expansion mit so überzeugenden Argumenten, dass auch die geldgebenden Aktionäre noch einmal mitziehen. Das Team von Jan Secher könnte dazu allerdings das falsche sein. Bei den Aktionären jedenfalls ist es bis auf weiteres unten durch.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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