Inside: Daimler-Chrysler: Der Übernahmekandidat

Inside: Daimler-Chrysler
Der Übernahmekandidat

Eins ist seit knapp zwei Wochen klar: Daimler-Chrysler kann nicht mehr zurück. Mit der Ankündigung, für die chronisch defizitäre US-Sparte alle Optionen – einschließlich Verkauf – zu prüfen, hat Vorstandschef Dieter Zetsche eine Lawine losgetreten.

STUTTGART. Für den Finanzmarkt zählt nur eine Lösung, der Verkauf. Seit der Ankündigung ist der Aktienkurs um gut sieben Prozent gestiegen. Analysten rechnen mit einem weiteren Anstieg für den Fall, dass es zur Trennung kommt. Die Anleger warten nur noch ab, wie teuer die Scheidung wird. Der Zeitpunkt ist günstiger denn je. Dank der Kapitalmarktsituation fehlen Chrysler nur noch zwei Milliarden Dollar zur Deckung der Pensionsrückstellungen. Vor wenigen Jahren war noch mehr als das Dreifache nötig. Das machte Chrysler nahezu unverkäuflich.

Schon jetzt ist sicher: Daimler ist ohne ist mehr wert als mit Chrysler. An der Börse kostet der Stuttgarter Konzern jetzt 54 Milliarden Euro. Den Wert nach der Trennung taxieren Analysten auf 60 bis 70 Milliarden Euro. Dabei interessiert es nicht, dass der Konzern dann auf einen Schlag 2,7 Millionen weniger Fahrzeuge bauen und 47 Milliarden Euro weniger umsetzen würde.

So abgespeckt sehen die ersten Marktbeobachter Daimler bereits als Übernahmekandidaten. Dafür spricht, dass potentielle Investoren Chrysler bislang als Giftpille empfanden. Davon befreit wäre Mercedes wieder eine Perle – als Premiumhersteller mit dem Stern als starker Marke und als weltgrößter Nutzfahrzeugbauer. Für diese Perle könnten sich solvente Großinvestoren interessieren, sei es aus Russland, Asien oder Nahost. Finanzinvestoren, die einen kurzfristigen Reibach machen wollen, dürften dagegen kein Interesse haben. Denn zerlegen, aufteilen, verkaufen – das wäre kaum mehr möglich.

Zetsche hat also in Detroit erfolgreich die Flucht nach vorne eingeleitet. Mit der angedeuteten Trennung von Chrysler hat er den Börsenwert gesteigert. Und der ist für diesen Konzern wichtiger als für andere. Denn seit die Deutschland AG aufgelöst ist, fehlt ihm der Schutz eines Großaktionärs. Jahrzehnte hatte die Deutsche Bank die Hand über Daimler gehalten und den Aufsichtsratsvorsitzenden gestellt – heute besitzt sie unter fünf Prozent.

Bei der nächsten Hauptversammlung wird Hilmar Kopper seinen Sessel an Manfred Bischoff abgeben. Dann beginnt eine neue Ära. Die Stuttgarter Industrie-Ikone ist auf Grund ihrer Aktionärsstruktur angreifbarer als etwa der weitaus kleinere BMW-Konzern. Den schützt sein Großaktionär Quandt. Und Volkswagen hat Porsche und damit die Familien Piëch und Porsche als Schutzengel.

Zwei Jahrzehnte unter zwei Vorstandschefs mit völlig konträren Strategien haben Daimler viel Substanz gekostet. Unter Zetsche wird Daimler wieder nur Mercedes. Das Tafelsilber ist verkauft. Zetsche ist zur Performance mehr verdammt als je zuvor. Sonst wird die Nobelmarke wirklich im Nu zum Übernahmekandidaten.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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