Inside: Degussa
Chemie-Träume

Unversöhnlich stehen sich derzeit die Kontrahenten in der nordrhein-westfälischen Chemiewelt gegenüber: Auf der einen Seite der ehrgeizige Lanxess-Chef Axel Heitmann, der unverdrossen für eine Übernahme der deutlich größeren Degussa wirbt. Auf der anderen Seite ein RAG-Management, das solchen Überlegungen ein ums andere Mal eine Absage erteilt hat.

FRANKFURT. In besonders deutlichen Formulierungen hat jetzt Degussa-Chef Klaus Engel Heitmanns Avancen zurückgewiesen. Lanxess betreibe ein zyklisches und renditeschwaches Basischemiegeschäft mit niedrigen Investitionen, geringen Forschungsausgaben und daher begrenztem Charme, argumentiert Engel. Man selbst käme nie auf die Idee, Lanxess zu kaufen und müsste im Falle einer Fusion wohl die meisten Geschäfte des Leverkusener Konzerns wieder veräußern, wenn man die eigenen Portfolio-Kriterien anlege.

Keinem der beiden Widersacher kann man in diesem Fall anlasten, dass er die eigenen Interessen vernachlässigt. Aus Sicht von Lanxess erscheint die Idee einer Expansion in einem riesigen Schritt ohne Zweifel verlockend. Heitmann hat Sanierung und Neuordnung bei Lanxess mit Bravour und zudem vergleichsweise geräuschlos gemeistert. Die Ausgangsposition war keineswegs einfach, wenn man bedenkt, dass die Hände des Lanxess-Managements durch Standortsicherungs-Verträge aus Bayer-Zeiten gebunden waren. Selbst frühere Skeptiker zollen Heitmann dafür Respekt.

Andererseits ist die Ertragskraft des Leverkusener Konzerns trotz des konjunkturellen Rückenwinds unterdurchschnittlich und die Luft für weitere Steigerungen wird womöglich dünn. Nicht ohne Grund hatte Bayer vor drei Jahren vor allem Geschäftsfelder mit schwachen Wachstumsperspektiven in den damals ungeliebten Ableger Lanxess ausgelagert. Nach dem Turnaround steht Heitmann daher vor der Herausforderung, neue Wachstumsperspektiven für seinen Konzern zu entwickeln. Ein Gebilde wie Degussa mit seiner starken Präsenz in Geschäftsfeldern mit höher veredelten Chemieprodukten wäre unter diesem Blickwinkel geradezu verlockend, um das eigene Portfolio aufzuwerten.

Ein völlig anderes Bild bietet sich aus Sicht der RAG und ihrer Eigner. Ganz abgesehen davon, dass der Chemiekonzern Degussa einen Eckpfeiler für die geplante Börsen-Story bildet: Selbst wenn man diese Pläne doch noch ad acta legen sollte, wäre ein Verkauf an Lanxess gewiss nicht die einzige Alternative. Und im Falle einer Zerschlagung dürften weder die künftige Kohle-Stiftung noch die jetzigen RAG-Eigner ein Interesse haben, zugunsten industriepolitischer Erwägungen auf einen möglichst hohen Erlös zu verzichten.

Die entscheidende Frage ist dabei allerdings weniger, was Lanxess dem Degussa-Geschäft bieten könnte. Es geht vielmehr darum, was Degussa anderen Interessenten bringen könnte. Allein die Tatsache, dass Heitmann so stark mit der Idee eines neuen großen nordrhein-westfälischen Chemiekonzerns wirbt, muss vor diesem Hintergrund schon zu denken geben. Sie spricht dafür, dass die vier bis sechs Milliarden Euro, die Lanxess für den Degussa-Kauf in Aussicht stellt, kaum der angemessene Preis sind.

Der Traum vom neuen Chemie-Konglomerat läuft gegen den Strukturwandel in der Branche. Nicht schiere Größe ist dabei die Richtschnur, sondern der Versuch, Geschäftsfelder entlang bestimmter Wertschöpfungsketten neu zu ordnen und zu globalisieren. Das wiederum spricht dafür, dass andere Konzerne mit einer Degussa oder ihren Einzelteilen mehr anfangen könnten als eine Lanxess - und im Zweifel wohl auch mehr dafür zahlen dürften.

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