Inside: Delphi
Die Geier warten schon

Was finden Investoren nur attraktiv an einer Firma, die Tag für Tag 20 Millionen Dollar verbrennt und längst unter den Gläubigerschutz des US-Insolvenzrechts geflüchtet ist? Selten zuvor tanzten mehr potenzielle Investoren um ein Milliardengrab als im Falle des insolventen Auto-Zulieferers Delphi.

NEW YORK. Die Branchenzugehörigkeit kann zur Zeit wohl kaum Anlegerfantasie entfachen: Automobilbau in den USA, streng gewerkschaftlich organisiert, verlustreich seit Jahren. Mehr als ein halbes Dutzend großer US-Zulieferer ist zahlungsunfähig, die anderen ächzen unter den radikalen Produktionskürzungen bei General Motors (GM), Ford und Chrysler. Dennoch: Selten zuvor tanzten mehr potenzielle Investoren um ein Milliardengrab als im Falle des insolventen Auto-Zulieferers Delphi. Es gebe eine Reihe interessierter Parteien, heißt es aus der Konzernzentrale in Troy (Michigan).

Allein die Adressen, die dieser Tage ihre Offerten vorlegen, lassen auf eine finanzielle Schieflage des 180 000 Mitarbeiter großen Zuliefer-Riesen schließen. In Stellung gebracht haben sich fast ausnahmslos risikofreudige Investoren wie der für seine Insolvenz-Aufkäufe bekannte US-Milliardär und Hedge-Fonds-Manager David Tepper von Appaloosa Management.

Mindestens drei Konsortien kämpfen derzeit um die Kontrolle bei Delphi. Neben Appaloosa sind Vorstöße von Cerberus Capital und Ripplewood – angeführt von Ex-Chrysler-Vorstand Thomas Stallkamp – aktenkundig. Branchenexperten sehen Tepper nach letztem Stand in der Favoritenrolle, weil er engen Kontakt zu Delphi-Chef Robert Miller hält und sein 4,5 Milliarden Dollar schwerer Appaloosa-Fonds schon mit 9,3 Prozent beteiligt ist. Für rund zehn Milliarden Dollar, so wird in der Branche spekuliert, könnte Delphi bald neue Besitzer für die Zeit nach Ende des Insolvenzverfahrens erhalten. Anlageklasse: hochriskant. Eine teure Fehlspekulation droht, sollte die Unruhe bei Delphi anhalten und der Absatzschwund seines wichtigsten Abnehmers GM (Umsatzanteil: 60 Prozent) kein Ende finden.

Investoren wie Tepper indes wittern eher ein Schnäppchen und verweisen auf viele werthaltige Patente sowie auf ein profitables Delphi-Geschäft in Übersee. Neben seinem US-Arm hat der Konzern Dependancen in Paris, Tokio und Sao Paulo; in Deutschland übernahm Delphi 2003 die Autoradio-Sparte von Grundig. All diese Aktivitäten sind von der US-Insolvenz nicht betroffen.

In der Zentrale indes, kaum eine halbe Autostunde vom kriselnden Auto-Mekka Detroit entfernt, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Fast 15 000 Mitarbeiter haben Delphi über Abfindungsprogramme verlassen, weitere 5 000 sollen bei der Ex-Mutter GM unterkommen. Von einst 29 Delphi-Werken in den USA stehen 21 zum Verkauf oder vor der Schließung.

Knackpunkt der Sanierung sind die Verhandlungen mit der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW). Erzielt das Management unter dem Druck des Insolvenzgerichts einen Durchbruch im Streit um 40-prozentige Lohnkürzungen, dürften Investoren bald eine milliardenschwere Refinanzierung anbieten. Zwar geißelt UAW-Präsident Ron Gettelfinger die um Delphi kreisende Meute als „Geier, die nur ihre Taschen füllen“ und „gefühllos Leben, Hoffnungen und Träume zerstören“. Delphi aber bleibt wohl nur die Wahl zwischen Hedge-Fonds A, B oder C: Seine Investoren kann sich der Konzern – bei 15 Milliarden Dollar Verlust in weniger als zwei Jahren – nicht mehr aussuchen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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