Inside: Díllinger Hütte/Saarstahl
Schützendes Patt

Der weltweite Stahlboom hat auch der Stahlindustrie des Saarlands eine kaum für möglich gehaltene Blüte beschert. Die beiden größten Branchenvertreter des kleinsten deutschen Flächenstaates, Dillinger Hütte und Saarstahl, erreichen derzeit Umsatz- und Kapitalrenditen, mit denen sie auch weltweit zur Spitzengruppe zählen.

DÜSSELDORF. Das gilt vor allem für den Grobblechproduzenten Dillinger Hütte, der 2007 einen Umsatz von 2,6 Milliarden Euro erzielte. Nach eigenen Angaben betrug die operative Marge bezogen auf das Ergebnis vor Zinsen und Steuern und Abschreibungen (Ebitda) 27,3 Prozent. Für die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Roce) nennt der Vorstand einen Wert von 44,7 Prozent. Mit 25,8 Prozent Ebitda-Marge liegt der mit zwei Milliarden Euro Umsatz etwas kleinere Walzdraht-Produzent Saarstahl bei der operativen Umsatzrendite fast gleichauf, muss sich aber bei der Kapitalverzinsung mit 24,7 Prozent bescheiden.

Beide Unternehmen werden ihr aktuelles Renditeniveau dauerhaft kaum halten können. Denn die Stahlindustrie wird auch in Zukunft zyklischen Schwankungen unterliegen. Andererseits ist es ein offenes Geheimnis, dass sich der weltgrößte Stahlkonzern Arcelor-Mittal die Dillinger Hütte gern vollständig einverleiben würde. Zwar hält der Branchenprimus 51,25 Prozent der Anteile, doch schreibt die Satzung für wichtige Entscheidungen eine Mehrheit von 70 Prozent der Stimmen vor. Deshalb braucht Mittal die Unterstützung der Montan-Stiftung Saar, die indirekt über eine Holding und Saarstahl 40 Prozent der Anteile an der Dillinger Hütte hält. Im Moment besteht ein Patt: Beide Aktionäre können sich gegenseitig blockieren, nur gemeinsam könnten sie alles machen.

Deshalb versucht Lakshmi Mittal, Hauptaktionär und Vorstandschef von Arcelor-Mittal, immer wieder, der Stiftung den Verkauf ihrer Anteile schmackhaft zu machen: Eingebettet in den weltweiten Firmenverbund seines Konzerns, argumentiert Mittal, könnte die Dillinger Hütte beispielsweise leichter neue Auslandsmärkte erobern.

Doch die Stiftung zeigt Mittal nur die kalte Schulter. Denn ihr wichtigster Auftrag lautet, den Erhalt und die Fortentwicklung der saarländischen Stahlindustrie zu sichern. Dieses Ziel könnte jedoch ernsthaft in Gefahr geraten, wenn Mittal sich erst einmal das weltweit anerkannte technische Know-how der Dillinger Hütte gesichert hätte.

Was dann bliebe, wären die bekannten Nachteile des Stahlstandortes Saar: Rohstoffe wie Erz und Kohle müssen aufwendig mit der Bahn bis in die Werke transportiert werden, die Löhne sind hoch.

Deshalb bündeln die Dillinger Hütte und Saarstahl die Kräfte. Sie erzeugen gemeinsam Roheisen, betreiben gemeinsam eine Kokerei und haben ihren Einkauf zusammengelegt. Außerdem haben beide Unternehmen schon denselben Arbeitsdirektor. Und sie investieren jeden verfügbaren Cent in die Verbesserung der Qualität ihrer Produkte.

Es hat fast den Anschein, als wollten die Saarländer irgendwann Mittal auslösen. Im Moment freilich dürfte das 3,5 Milliarden Euro kosten.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%