Inside: Fresenius
Verkanntes Potential

Im Deal zwischen Nestlé und Novartis investierte der Nahrungsmittelgigant gewaltig. In der gleichen Branche hat der Bad Homburger Fresenius-Konzern eine Trumpfkarte: Die Tochtergesellschaft Fresenius Kabi ist in Europa marktführend. Dies allein bestimmt jedoch nicht den tatsächlichen Marktwert.

FRANKFURT. Angesichts des jüngsten Milliarden-Deals zwischen Nestlé und Novartis lohnt es sich, die Bewertung des Bad Homburger Fresenius-Konzerns genauer unter die Lupe zu nehmen. Dessen zweitgrößte Tochter, Fresenius Kabi, stellt Infusionslösungen her und ist Europas größter Produzent von Produkten für die künstliche Ernährung von Kranken, Alten und Behinderten.

Genau für dieses Geschäftsfeld hat die Schweizer Nestlé gerade tief in die Tasche gegriffen. Umgerechnet 1,9 Milliarden Euro hat der Nahrungsmittelhersteller für die Sparte des Pharmakonzerns Novartis bezahlt. Das entspricht sage und schreibe dem 28-fachen eines Jahresgewinns.

Müsste Fresenius Kabi demnach nicht einen vergleichbaren Marktwert haben? Und spiegelt sich dieser in der aktuellen Bewertung der Fresenius-Aktie wider? Findige Analysten haben es schon ausgerechnet und sind, wie etwa die Experten von Merrill Lynch, zu dem Schluss gekommen, dass das Fresenius-Papier trotz des jüngsten Höhenflugs noch ordentlich Luft nach oben hat.

Doch Vorsicht! Der Marktwert kommt zustande, weil jemand bereit ist, ihn auch zu zahlen. Deshalb lässt sich die abenteuerliche Bewertung der Novartis-Sparte trotz einer vergleichbaren Produktpalette nicht eins zu eins auf Fresenius übertragen. Denn mit dem, was für die hohe Bewertung der Novartis-Sparte den Ausschlag gab, kann der Mittelständler Fresenius gerade nicht aufwarten. Die Rede ist vom Zugang zum US-Markt der Kliniken und Pflegeheime.

Fresenius Kabi ist in Europa Marktführer. Mit einem Marktanteil von fast 30 Prozent bei der klinischen Ernährung sind größere Zukäufe hier kaum noch möglich. Auf dem US-Markt ist Fresenius dagegen nicht vertreten. Hier hat der US-Konzern Abbott das Sagen, mit dem Fresenius gewiss gerne gemeinsame Sache machen würde.

Die Novartis-Sparte, immerhin die Nummer zwei auf dem US-Markt, hätte Kabi in geographischer Hinsicht geschmückt. Die Fresenius-Aktionäre dürfen trotzdem erleichtert sein, dass ihr Unternehmen nicht der Käufer ist. Konzernchef Ulf Schneider hat bei der Renal Care Group und der Klinikkette Helios bewiesen, dass er sich trotz hoher Konzernschulden einmalige Gelegenheiten nicht entgehen lässt. Aber eben nicht zu jedem Preis.

Damit beweist Schneider Augenmaß, denn im Gegensatz zum Nestlé-Konzern verfügt Fresenius über keine erstklassige Bonität. Ein weiterer Zukauf, zumal in dieser Größenordnung, hätte wahrscheinlich zur einer Abstufung des Ratings geführt. Mit der Folge, dass die Zinslast irgendwann vielleicht nicht mehr zu schultern gewesen wäre.

Doch nicht minder wichtig als der Realitätssinn, der sich in diesem Verzicht offenbart, ist Schneiders Vision für die Sparte. Sie liegt in einer Erweiterung des Portfolios. Einen Hinweis, in welche Richtung die Reise gehen könnte, zeigte die Übernahme der portugiesischen Pharmafirma Labesfal vor fast einem Jahr.

Da Flüssigmedikamente und künstliche Ernährung oft denselben Patienten verabreicht werden, liegen die Synergien auf der Hand. Außerdem sind die meisten Präparate, die intravenös verabreicht werden, nicht mehr patentgeschützt. Gut möglich, dass es Schneider in diesem Umfeld gelingt, mit begrenzten Mitteln intelligent zuzukaufen.

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