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Gerresheimer: Nach Aufstieg entzaubert

Dumm gelaufen: Kaum steht der Aufstieg des Verpackungsspezialisten Gerresheimer vom SDax in den MDax fest, rauscht die Aktie in den Keller. In dieser Woche sackte der Marktwert des Unternehmens zeitweise um fast ein Drittel von 820 Millionen bis auf 560 Millionen Euro.
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DÜSSELDORF. Allein am Mittwoch stießen Investoren 1,5 Millionen Gerresheimer-Aktien ab. Das entspricht dem Fünfzehnfachen des durchschnittlichen Handelsvolumens. Kritische Kommentare von Analysten hatten die Verkaufswelle ausgelöst.

Ein Schock insbesondere für das Gerresheimer-Management, das sich bisher redlich mühte, Anlegern das Unternehmen als soliden Wachstumswert anzupreisen. Rezession und Finanzkrise, so lautete die Botschaft, können dem international führenden Hersteller von Glas- und Kunststoffverpackungen für die Pharma- und Kosmetikindustrie kaum etwas anhaben.

Doch die Skepsis wächst. Zwar liefert Gerresheimer hochwertige Arzneimittelfläschchen, Ampullen und Spritzensysteme fast nur an Kunden, deren Geschäfte auch in schwierigen Zeiten gut laufen. Außerdem besteht akut kein Refinanzierungsbedarf. Erst 2013 und 2015 laufen Anleihen des Unternehmens aus. Und deren Zinskupon ist mit 0,55 Prozent über Libor, also dem Zins, zu dem sich die wichtigsten internationalen Banken untereinander Geld leihen, ausgesprochen niedrig.

Aber gegen den dramatischen Wirtschaftsabschwung ist Gerresheimer nicht immun. Der Vorstand hat bereits durchblicken lassen, dass das Geschäft neuerdings schwächelt. Denn auch die Pharmakonzerne disponieren in der Krise vorsichtiger. Bevor sie neue Ware bei Gerresheimer bestellen, bauen sie zunächst ihre Lagerbestände ab. Es kann durchaus sein, dass die Nachfrage in einigen Monaten wieder anzieht. Trotzdem wird Gerresheimer sein bisheriges Wachstumstempo drosseln müssen. Denn mit den 36 Millionen Euro, die noch in der Kasse sind, lassen sich keine großen Übernahmen mehr finanzieren. Und dass das Unternehmen eine bestehende Kreditlinie über mehr als 100 Millionen Euro ausgerechnet jetzt in Anspruch nimmt, scheint nahezu ausgeschlossen.

Es kommt hinzu: Wichtige Kennziffern von Gerresheimer haben sich in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2007/08 verschlechtert. So ist das Eigenkapital ohne Minderheitsanteile im Vergleich 30. November 2007 um 22 Millionen auf 443 Millionen Euro geschrumpft. Zwar sanken die Finanzschulden von 476 Millionen auf 472 Millionen Euro, zugleich aber gingen die liquiden Mittel von 80 Millionen auf 36 Millionen Euro zurück. Die Nettofinanzschulden stiegen dadurch auf 436 Millionen Euro. Das entspricht mehr als 98 Prozent des Eigenkapitals. Kritisch sind auch die hohen Firmenwerte von 373 Millionen Euro, die Gerresheimer nach der Einkaufstour in den vergangenen Jahren in den Büchern stehen hat. Möglicherweise erforderliche Wertberichtigungen würden das Eigenkapital angreifen, da Gerresheimer unter dem Strich nach wie vor rote Zahlen schreibt.

Das Unternehmen wirkt nach dem Aufstieg in den MDax wie entzaubert. Vielleicht ist aber jetzt ein Kursniveau erreicht, von dem es erstmals seit dem Börsengang im Juni 2007 aufwärts geht.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport

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