Inside: Haribo
Der Herbst des Patriarchen

Der Großteil der deutschen Unternehmer hat noch keine Nachfolge-Regelung getroffen. Die häufige Konsequenz: der Unternehmensverkauf. Ähnliche Betriebsblindheit herrschte lange Zeit bei Haribo. Doch nun beginnt erneut die Nachfolgesuche.

DÜSSELDORF. Ein Firmeninhaber, der sich nicht rechtzeitig um eine Nachfolgeregelung kümmert, handelt grob fahrlässig – sowohl gegenüber Gesellschaftern und Mitarbeitern als auch gegenüber den kapitalgebenden Banken. Die Anzahl der nicht fortgeführten Familienunternehmen in Deutschland ist bereits Legion. Dafür legen nicht nur die nicht mehr aktiv tätigen Kölner Unternehmerfamilien Mülhens („4711 - Echt Kölnisch Wasser“) oder Imhoff („Stollwerck“) beispielhaft Zeugnis ab.

Im benachbarten Bonn, wenige Kilometer rheinaufwärts, lief lange Zeit ein weiterer erfolgreicher deutscher Markenartikler Gefahr, es seinen unrühmlichen Vorgängern gleichzutun. Nun sucht Haribo-Chef Hans Riegel, immerhin schon 83 Jahre alt, wieder einen Nachfolger für die Firmenspitze des eigenen Unternehmens.

Diese Übung ist zuletzt mit Riegels Neffen, Hans-Jürgen Riegel, gründlich misslungen. Der Familienrat hatte den schon 51-Jährigen lange zuvor zur Weiterführung des Unternehmens auserkoren. Aber durch beständige Sticheleien seines Onkels reichlich mürbe gemacht, verzichtete der designierte Nachfolger im vergangenen Jahr auf das in Aussicht gestellte Amt. Die „offizielle“ Begründung: Der Firmenchef hatte die Bekanntgabe eines Termins für die Übergabe der Geschäfte immer wieder aufs Neue hinausgezögert.

Dieses Verhalten ist in der deutschen Wirtschaft offenbar kein Einzelfall, wie eine Studie der Prüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC) belegt. Danach sind deutsche Familienunternehmen generell nur sehr unzureichend auf familiäre Auseinandersetzungen innerhalb ihrer Unternehmen vorbereitet. Aber auch das Risikopotenzial in dem Fall, dass ein Gesellschafter oder Familienmitglied durch Krankheit oder Unfall für einen längeren Zeitraum oder für immer ausfällt, wird von den meisten Familienunternehmen stark unterschätzt.

So hat, dies ergab die PwC-Studie, nicht einmal jedes dritte Unternehmen Vorkehrungen für die Rekrutierung eines Interimsmanagers getroffen, der die Unternehmensführung übernehmen könnte, bis der vorgesehene Nachfolger in die Rolle des Geschäftsführers hineingewachsen wäre. Am Ende solcher Versäumnisse steht oft der überhastete Verkauf eines Unternehmens – immer häufiger an einen Finanzinvestor.

Ähnliche Betriebsblindheit herrschte offenbar lange Zeit auch bei Haribo. Eines der wenigen Zugeständnisse, das der kinderlose Patriarch bisher an sein fortgeschrittenes Alter gemacht hat, ist ein Co-Pilot, der den begeisterten Hubschrauber-Kapitän seit einiger Zeit an Bord begleitet, um im Notfall eingreifen zu können. Für den geschäftlichen Notfall steht inzwischen eine Stiftung österreichischen Rechts bereit, deren Beauftragte sich jetzt ebenfalls fieberhaft an der Nachfolgersuche „intern wie extern“ beteiligen.

Da hat Riegels Wettbewerber Klaus Fassin, der nach dem Krieg in Emmerich, rund 160 Kilometer rheinabwärts, den Haribo-Kontrahenten Katjes gründete, weitsichtiger gehandelt. Bis Fassins Sohn Bastian im letzten Jahr die Unternehmensleitung übernehmen konnte, führte Ex-Milka-Manager Tobias Bachmüller nach dem Rückzug des Seniors fast zehn Jahre lang die Geschäfte: Nun bilden beide die kompetente Doppelspitze des frechen Haribo-Herausforderers.

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