Inside: Hyundai Motors: Zweifelhafter Führungsstil

Inside: Hyundai Motors
Zweifelhafter Führungsstil

Vom Chefsessel ins Gefängnis: Auch Abstiege können steil sein. Diese Erfahrung musste Chung Mong-Koo von Hyundai Motors nun machen. Wo jedoch die Worte Veruntreuung und Bestechung im Westen für Skandale sorgen, spiegeln sie in diesem Fall ein asiatisches Dilemma wider.

SEOUL. Ein Gericht in Seoul hat den Chef von Hyundai Motors wegen der Veruntreuung von Firmengeld und Beamtenbestechung zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Richter entschieden überraschend gegen eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung. Bis zuletzt hatte Chung Mong-Koo seine Unschuld beteuert – schließlich hat der 68-Jährige nur getan, was in Korea Tradition ist. Doch die Traditionen kollidieren immer öfter mit der Realität in einem Land, das den Weg zu internationalen Standards der Unternehmens-Kontrolle eingeschlagen hat.

Die Hauptsorge der Hyundai-Gründerfamilie war: Wie übertragen wir die Macht im Konzern auf die Enkelgeneration, konkret: auf den 35-jährigen Chung Eui-Son? Der Stammhalter leitet bereits den Teilkonzern Kia Motors und soll einmal so viel Macht über Hyundai haben wie sein Vater heute. Aus Sicht der Familie ist es nur recht und billig, Führungsposten zu vererben – schließlich hat Großvater Chung Ju-Yung die Firma 1947 gegründet und in den folgenden Jahrzehnten zum Milliardenkonzern ausgebaut. Ein Teil der koreanischen Öffentlichkeit sieht die Fortführung der Dynastie jedoch kritisch und wünscht mehr Transparenz. Auch Koreas Regierung will das Land internationalisieren und eine bessere Überwachung von Aktiengesellschaften durchsetzen.

„Hyundai“ bedeutet „modern“. Der Name war Programm. 1975 brachte der Konzern sein erstes selbst entwickeltes Auto auf den Markt, und seitdem verlief die Entwicklung in atemberaubender Geschwindigkeit. Heute steht das Unternehmen nicht nur für günstige Preise, sondern auch für Qualität und Design. Dem Absatz nach ist es der sechstgrößte Autohersteller der Welt. Doch Chungs Stil ist eben nicht so modern wie seine Autos.

Zur Familienliebe kommt die in Ostasien tief verwurzelte Neigung, sich wichtige Personen durch Zuwendungen geneigt zu machen. So hat Chung Senior die Logistikfirma Glovis gegründet, um seine mächtige Stellung in Bargeld ummünzen zu können. Er brachte Glovis an die Börse und ließ Hyundai Rechte für den Fahrzeugvertrieb an das Unternehmen abgeben – das trieb den Wert der Aktie in die Höhe.

Nach Ansicht der Richter hat er so Hyundai Geld zugunsten der Gründerfamilie entzogen. Mit dem Vermögen von Glovis speiste Chung schwarze Kassen, aus denen er Spitzenbeamte und Banker schmierte – – kürzlich verurteilte das Gericht die ersten Bestochenen. Das über Glovis eingesammelte Geld, etwa eine Milliarde Euro, sollte ansonsten wohl dazu dienen, für den Sohn Firmenanteile zusammenzukaufen, um den Generationswechsel einzuleiten. So zumindest sahen es die Richter.

Auch das alljährliche Problem von Hyundai mit Streiks wirkt traditionell koreanisch. Chungs Gegner ist keine Branchengewerkschaft, sondern eine Firmengewerkschaft, in der vier Fünftel der Mitarbeiter organisiert sind. Besonders harte Arbeitskämpfe gibt es in Korea, seit die Arbeiter durch Streiks im Jahr 1988 die damalige Militärdiktatur stürzten und damit den Gewerkschaften ein besonderes Prestige verschafften.

Für dieses Jahr hat Chung für Hyundai wieder ehrgeizige Wachstumsziele vorgegeben, obwohl der Gewinn 2006 kräftig um 35 Prozent eingebrochen war. Die Hoffnungen auf eine Wende wirken aber illusorisch, denn alle Ursachen für die Misere sind noch da: die starke Landeswährung Won, die Neigung der Belegschaft zu Streiks und heftige weltweite Konkurrenz auch auf den Hoffnungsmärkten in Schwellenländern. Und nun muss auch noch der Chef hinter Gitter.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%