Inside: Nestlé
Eisberge in Sicht

Nestlé, das ist jener Schweizer Luxusdampfer aus der Lebensmittelindustrie, der 2007 wahrscheinlich zum ersten Mal die Marke von 100 Milliarden Franken Umsatz knacken wird. Auf der Brücke des Dampfers steht künftig mit dem Belgier Paul Bulcke ein neuer Steuermann, der den smarten Peter Brabeck ablöst. Doch noch ist unklar, wohin der neue Kurs führt.

ZÜRICH. Wie das jedoch so ist bei Riesenschiffen, nützt es wenig, eifrig am Steuer zu drehen. Bis sichtbar wird, wohin der neue Kurs führt, wird deswegen auch bei Nestlé Zeit vergehen. Zu viel Zeit?

Eisberge sind in Sicht. So sind beispielsweise die Rohstoffpreise für praktisch alle Produkte, die Nestlé herstellt, drastisch gestiegen. Die Margen geraten unter Druck. Sie sind schon jetzt im internationalen Vergleich bescheiden. Im Kerngeschäft Nahrungsmittel betrug die Betriebsgewinnspanne im ersten Halbjahr 13,8 Prozent. Für europäische Gesellschaften ist das ordentlich, US-Konkurrenten schaffen jedoch mehr. Kraft kam 2006 auf 15 Prozent, Kellogg auf 16,2 Prozent, Pepsi und General Mills wiesen sogar 18,2 Prozent aus. An der Spitze steht unangefochten Coca-Cola mit 27 Prozent betrieblicher Rendite. Als Dampfer auf den Weltmeeren muss sich Nestlé an diesen Konkurrenten messen lassen.

Bulcke kann dem nur begegnen, in dem er die Einnahmen erhöht und die Ausgaben senkt. Er wird also versuchen, höhere Preise durchzusetzen, wobei ihm die Marktmacht des Konzerns hilft, der über mehr klangvolle Marken verfügt als die meisten Konkurrenten. Er wird auch den Bereich gesundheitsfördernder Nahrung weiter ausbauen, weil Nestlés Kunden bereit sind, für Müsli-Riegel, die die Verdauung fördern, mehr Geld auszugeben, als für einen schlichten Pausensnack. Entsprechend höher sind die Margen. Und Bulcke wird versuchen beim Sparen das fortzusetzen, was Brabeck mit „Globe“, einem Programm zur Steigerung der Effizienz im Konzern, begonnen hat. Die Früchte von Globe und den Nachfolgeprogrammen sind inzwischen gut sichtbar – bezeichnenderweise sieben Jahre nach Einführung des Programms, was die Trägheit des Dampfers unterstreicht.

Ob es in dieser Phase sinnvoll ist einträgliche Beteiligungen abzustoßen, wird sich Bulcke zweimal überlegen. Nestlé ist Großaktionär beim Augenmedikamenteproduzenten Alcon und beim Kosmetikkonzern L’Oreal. Brabeck hatte die Parole ausgegeben, dass beide Beteiligungen nur mehr eine Finanzinvestition seien, womit er signalisierte, dass auch ein Verkauf der entsprechenden Aktienpakete möglich sei.

Allerdings sind die Beteiligungen einträglicher als das Kerngeschäft: Die zu 76 Prozent kontrollierte Alcon beispielsweise steuert mit einer operativen Marge von 32,9 Prozent im ersten Quartal viel zum Konzernergebnis bei. Da ist es keine besonders nachhaltige Idee, diesen Zusatzmotor abzustellen und den Erlös aus einer Veräußerung etwa dazu zu benutzen, um ein gigantisches Aktienrückkaufprogramm, das Brabeck bereits angekündigt hat, zu finanzieren. Dass sich Bulcke in dieser Frage von Brabeck absetzt, der ihm als Verwaltungsratspräsident mit besonderem Augenmerk auf die Strategie bei den Beteiligungen erhalten bleibt, ist allerdings unwahrscheinlich. Wie hat er gesagt? Er werde die bisherige Strategie fortsetzen. Etwas grundlegend anderes bleibt Bulcke am Steuer des Riesendampfers Nestlé allerdings auch nicht übrig.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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