Inside: Nissan
Erfolgsfaden gerissen

Nachdem Renault Ende der 90er-Jahre beim angeschlagenen japanischen Konkurrenten zum größten Anteilseigner aufgestiegen war und seinen Spitzenmanager Carlos Ghosn als neuen Nissan-Chef nach Tokio entsandt hatte, ging es nur noch bergauf mit dem zweitgrößten Autohersteller des Landes.

DÜSSELDORF. Vom Pleitekandidaten stieg Nissan zu einem der weltweit profitabelsten Automobilhersteller auf. Eindrucksvoll die Entwicklung der Produktionszahlen: Von 2001 bis Ende vergangenen Jahres steigerte das Unternehmen seinen jährlichen Ausstoß um eine Million auf 3,6 Millionen Autos. Wesentlichen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hatte Ghosn. Er verstand es, eine Brücke zwischen Europäern und Asiaten zu bauen. Dem Renault-Management gelang es, die Japaner für sich zu gewinnen und für die Neuausrichtung des Unternehmens zu begeistern. Andere Autohersteller wie etwa Daimler-Chrysler bei Mitsubishi scheiterten mit ihrem Japan-Engagement.

Der Erfolg weckte Begehrlichkeiten, an erster Stelle bei der Konzernmutter Renault. Und deshalb war es keine besonders große Überraschung, dass Ghosn im vergangenen Jahr den frei gewordenen Posten des Renault-Vorstandschefs übernahm. Der Automann konnte jedoch nicht mehr von den Japanern lassen und blieb gleichzeitig auch die Nummer eins bei Nissan.

Die jüngste Entwicklung hat dem japanischen Autohersteller allerdings nicht mehr allzu gut getan, denn der Erfolgsfaden ist gerissen. In den USA, in Europa und in Japan geben Produktions- und Verkaufszahlen deutlich nach. Am schwierigsten stellt sich die Situation auf dem Heimatmarkt Japan dar, wo der Absatz im vergangenen Monat um 32 Prozent eingebrochen ist.

Die Analyse der aktuellen Nissan-Krise, darüber sind sich die meisten Branchenkenner einig, ist vergleichsweise einfach: Carlos Ghosn hat den Bogen überspannt. Das Unternehmen ist bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gegangen und muss jetzt eine Auszeit nehmen. Immer wieder neue Business-Pläne, nochmals erhöhte Absatzziele – bei Nissan sind heute keine freien Ressourcen mehr vorhanden.

Erst Ende dieses Jahres ist wieder mit neuen Modellen zu rechnen, die vielleicht im Jahr 2007 für einen Umschwung sorgen könnten. Ghosn hat bereits eingeräumt, dass er den Prozess zur Entwicklung neuer Autos bei Nissan verstetigen muss. In den vergangenen fünf Jahren gab es in kurzen Abständen regelmäßig neue Autos, doch jetzt müssen die Entwickler erst einmal wieder Luft holen.

Alle Hoffnungen konzentrieren sich auf das nächste Jahr. Die Absatzzahlen müssen dann tatsächlich wieder nach oben gehen. Erst damit wäre der Beweis erbracht, dass Ghosn eine nachhaltige Sanierung gelungen ist und nicht nur eine kurzfristige Erholung.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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