Inside: Northrop Grumman
Wie vom Blitz getroffen

Ein Schock aus heiterem Himmel: Nach dem Urteil des US-Rechnungshofes muss der Rüstungskonzern mit seinem Partner EADS neu gegen Boeing antreten. Ein Schlag für das Unternehmen, für das seit dem 11. September 2001 quasi nur Milch und Honig geflossen war.

PORTLAND. Der Spruch des US-Rechnungshofes GAO war für Northrop Grumman ein Blitz aus heiterem Himmel. Der drittgrößte US-Rüstungskonzern hatte höchstens mit kleineren Änderungen an dem Milliardenauftrag zur Modernisierung der Lufttankerflotte für die US-Luftwaffe gerechnet. Stattdessen wird er höchstwahrscheinlich zusammen mit Partner EADS neu gegen Boeing, den einzigen Mitbewerber, antreten müssen.

Die staatlichen Prüfer, die nach Protesten von Boeing tätig wurden, haben schwere Fehler bei der Auftragsvergabe und bei der Berechnung der langfristigen Kosten festgestellt. An ihrem Spruch kommt Northrop nicht vorbei. Der für den 28. Juni geplante erste Spatenstich für ein neues Werk in Alabama, in dem der Konzern die von Airbus gelieferten A330 zu Militärtankern und Transportern aufrüsten wollte, wurde bereits auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Neuausschreibung dürfte die seit Jahren geplante Runderneuerung der US-Militärtankerflotte bis nach den Präsidentschaftswahlen im November verzögern.

Northrop Grumman mit Sitz in Los Angeles ist ein Produkt der großen Konsolidierungswelle Mitte der 90er Jahre. Nach dem Ende des Kalten Krieges schraubten die USA ihre Rüstungsausgaben kräftig zurück. Die Spitze der Branche konstituierte sich neu, als 1994 Northrop Grumman übernahm, 1995 Martin Marietta mit Lockheed zu Lockheed Martin fusionierte und 1997 Boeing den alten Rivalen McDonnell Douglas absorbierte.

Nach immer kommen mit 14,7 Milliarden Dollar fast die Hälfte der Northrop-Erlöse aus Aufträgen vom Pentagon. Aber der Konzern baut nicht nur Waffensysteme. Die deutsche Tochter Litef baut Navigationssysteme, die französische Tochter Solystic liefert Brief-Sortiermaschinen. Den Löwenanteil des Umsatzes erwirtschaftet Northrop indessen mit Militärgütern aller Art, vom Flugzeugträger über unbemannte Flugkörper bis zu Informationstechnologie und Dienstleistungen. Obwohl Northrop mit Abstand der größte Kriegsschiffbauer der USA ist, rangiert der Umsatz im Schiffbau an letzter Stelle hinter Informationstechnologie und Dienstleistungen, Luft- und Raumfahrt sowie Elektronischer Ausrüstung.

Wie für alle US-Waffenschmieden, so flossen auch für Northrop seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 und den Kriegen im Irak und in Afghanistan Milch und Honig. Seit 2001 hat sich der US-Verteidigungshaushalt auf über 500 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt: Northrop sitzt auf einem Auftragsbestand von 68 Milliarden Dollar, der Konzern erhöhte seine Dividende und kaufte für Milliardenbeträge eigene Aktien zurück.

Das Management hoffte, mit dem Tankerauftrag ein größeres Rad bei Militärflugzeugen zu drehen. Der B-2 Tarnkappen-Bomber war der letzte große Auftrag der Luftwaffe, bei dem Northrop die Federführung hatte. Und der stammt aus den 80er Jahren. Der Börsenkurs von Northrop litt hingegen nur mäßig unter dem GAO-Schocker. Es sieht so aus, als hätten Börsianer die Neuausschreibung kommen sehen. eckhardt@handelsblatt.com

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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