Inside: Parmalat
Spezialgebiet Rechtsstreit

Es ist schon ein seltsames Geschäftsmodell, das nur auf Rechtsklagen beruht. Aber genau das scheint das Modell der neu gegründeten Parmalat SPA zu sein, die aus dem italienischen Milch-Koloss hervorgegangen ist. Dank der Schadensersatzzahlungen konnte der Lebensmittelkonzern sein Nettoergebnis im ersten Halbjahr vervierzehnfachen.

MAILAND. Ende 2003 ist der Lebensmittelkonzern im Zuge eines riesigen Bilanzskandals unter einer 14 Mrd. Euro schweren Schuldenlast zusammengebrochen, um später in abgespeckter Version aufzuerstehen. Im ersten Halbjahr hat Italiens Phönix aus der Asche sein Nettoergebnis dank der Schadensersatzzahlungen vervierzehnfacht! Dabei ist das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) gerade einmal um 3,7 Prozent gestiegen. Und die Prognose für die Ebitda-Marge im laufenden Jahr hat das Unternehmen bereits auf sieben Prozent halbiert. Damit sind die Richter und Anwälte wichtiger als die Milch.

Man muss dem ehemaligen Konkursverwalter und heutigem Vorstandschef Enrico Bondi zwar zugute halten, dass er im operativen Geschäft nicht untätig war. Parmalat hat verschiedene Töchter abgestoßen, sich aus mehreren Märkten zurückgezogen und konzentriert sich nun ganz auf wenige Kernmarken. Auch neue Produkte entwickelt der Lebensmittelhersteller, der jährlich fast vier Mrd. Euro umsetzt, mittlerweile wieder. Angesagte Milchprodukte wie probiotische Joghurts und neue Säfte sollen den Umsatz ankurbeln. Der Ansatz ist sicher gut. „Functional Food“ liegt im Trend. Immerhin machen Milchprodukte mehr als die Hälfte des Umsatzes bei Parmalat aus. Angesichts der steigenden Weltmarktpreise für Milch dürfte mit den einfachen Basisprodukten sicher nicht mehr viel zu holen sein.

Dennoch steht und fällt das Geschäftsmodell mit den milliardenschweren Klagen, die Super-Bondi gegen die Banken durchfechtet. Er wirft ihnen vor, um die finanzielle Schieflage des Konzerns gewusst zu haben und trotzdem Anleihen begeben und damit den Konkurs mit herbeigeführt zu haben. Nach Berechnungen von Analysten machen die Klagen mit ihren potenziellen Zahlungen ein Drittel des Unternehmenswerts aus.

Auch der Aktienkurs der seit zwei Jahren wieder an der Börse notierten neuen Parmalat richtet sich stärker an den Gemütslagen der Richter aus als an den Milchpreisen oder neuen Produkten. Das zeigte sich auch diese Woche wieder, als ein Richter aus Parma bemerkte, es gebe „begründete Zweifel“ an der Klage über 2,1 Mrd. Euro gegen die Banken. Diese Bemerkung reichte, um den Kurs kurzfristig auf Talfahrt zu schicken.

Bondi beweist auch nicht immer das beste Verhandlungsgeschick, wie man hört. Er brüskiert selbst kompromissbereite Banken und ihre Anwälte teilweise mit so hohen Forderungen, dass diese lieber weiter prozessieren, als sich auf außergerichtliche Vergleiche einzulassen. Aber dieses Geld braucht Parmalat, um profitabel zu sein.

Langfristig bleibt dieses Geschäftsmodell äußerst heikel. Zum einen ist längst nicht gesagt, dass die Zahlungen aus den Vergleichen weiter sprudeln. Zum anderen könnte die neue Parmalat bald Gegenwind auf dem juristischen Spielfeld bekommen. In den USA gibt es geprellte Investoren, die die Geschichte mit der Opferrolle nicht abkaufen. Sie wollen den Bruch zwischen alter und neuer Parmalat so nicht akzeptieren. Eifrige US-Anwälte basteln bereits an einer Sammelklage von Investoren, die die neue Parmalat stellvertretend für das frühere Management verklagen wollen. In diesem Fall könnte Bondi also mit den eigenen Waffen geschlagen werden. Und dann ist fraglich, ob links- oder rechtsdrehende Milchsäuren noch helfen können.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%