Inside: Phonak
In der Kartellfalle

Phonak, das ist nicht nur der Name eines im Doping-Sumpf versunkenen Radsportteams, dessen Sponsor, eben Phonak, fast zu spät die Reißleine gezogen hatte. Phonak das ist eben vor allem jener Schweizer Hersteller von Hörgeräten, der sich in den vergangenen Jahren an die Weltspitze gerobbt hat. Doch der Traum von der Nummer eins könnte schon bald ausgeträumt sein.

ZÜRICH. Mit Innovation und Marketing hat Phonak langsam aber sicher Hörgeräte von einer medizinischen Notwendigkeit zu einem Modeaccessoire uminterpretiert. Knallige Farben und Produkte, von denen zwei Drittel noch nicht länger als zwei Jahre auf dem Markt sind, lassen ahnen, zu welchen Leistungen die eidgenössischen Tüftler im Stande sind. Verwaltungsratspräsident Andy Rihs steht, was Kreativität und Selbstvermarktung anbelangt, dem Schweizer Marketing-Guru und Swatch-Gründer Nicolas Hayek in nichts nach.

Der Erfolg dieser Strategie sieht so aus: Der Umsatz der Gruppe ist 2006 um 24 Prozent auf 671 Millionen Euro geklettert. Unterm Strich erzielte das Unternehmen einen Gewinn von 147 Millionen Euro, das sind über 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Nettoliquidität macht fast ein Drittel des Umsatzes aus. Phonaks internes Wachstum erreicht 16 Prozent. Zum Vergleich: Konkurrent William Demant wuchs zwölf Prozent, der Markt insgesamt knapp neun Prozent.

Kein Wunder, dass Rihs und sein ursprünglich vom Rivalen Siemens stammender Unternehmenschef Valentin Chapero darüber nachgedacht haben, wie sich der Unternehmenswert noch steigern ließe. Ihr Plan war vor einem Jahr, für die stolze Summe von zwei Milliarden Euro den dänischen Mitbewerber GN Resound zu kaufen.

Doch das deutsche Bundeskartellamt durchkkreuzte das Vorhaben. Der Wettbewerb werde, so die Befürchtung der Kartellhüter aus Bonn, wegen unerlaubter Preis- und Produktabsprachen in der margenträchtigen Branche weiter eingeschränkt. Die Schweizer Hörgerätehersteller trauten ihren Ohren nicht, als sie von dem Einspruch hörten. Chapero schüttelt noch immer den Kopf: „Die Geister“, sagt er, „die das Kartellamt sieht, gibt es nicht.“ Phonak will deswegen gegen die Absage klagen. Am 1. August wird es vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf eine erste Anhörung geben.

Analysten in der Schweiz wie die von Vontobel, die sich mit den eher harmlosen Prüfungen der Schweizer Wettbewerbshüter auskennen, rechnen damit, dass Phonak doch noch zum Ziel kommt. Falls nicht, hat das Unternehmen gut 20 Millionen Euro an bisherigen Kosten für die Übernahme in den Sand gesetzt. Das ist weniger schlimm, als die langfristige Prognose, die in drei bis vier Jahren für Phonak die Grenzen des starken Wachstums erreicht sieht.

Rihs’ Feststellung, dass jeder Mensch zwei Ohren hat, was die Chancen des Unternehmens glatt verdoppele, wird dann weniger helfen, als ein Aktienrückkauf, den Phonak bereits für den Fall angekündigt hat, dass die Übernahme scheitert. Kreativ ist das nicht. Wenn die Kartellfalle zuschnappt, bleibt Phonak einer unter mehreren Anbietern. Der Traum von der Nummer eins ist dann ausgeträumt.

Rihs weiß das und sinnt auf Abhilfe. Erste Maßnahme: Phonak, so will er bei der Generalversammlung nächste Woche durchsetzen, soll künftig Sonova heißen. „Technologiekompetenz, Innovationskraft kombiniert mit Menschlichkeit und Wärme“, strahle der Name aus, glaubt Rihs. Und, so ließe sich hinzufügen, er erinnert nicht mehr an die unrühmlichen Radsportzeiten.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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