Inside
Roche: In der Schwebe

Der Baseler Pharmakonzern Roche könnte nach Ansicht mancher Beobachter zu den ungewöhnlichsten "Opfern" der aktuellen Finanzkrise gehören. Dabei geht es nicht etwa um irgendwelche Schwächen in der Kapital- und Finanzierungsstruktur oder um mögliche konjunkturelle Risiken, die den Pharmariesen belasten.
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FRANKFURT. Die Nummer Vier der europäischen Arzneimittelbranche steht blendend da. Roche ist schuldenfrei, hat sich in den vergangenen Jahren besser entwickelt als alle großen Konkurrenten und verfügt mit erfolgreichen Krebsmedikamenten über eines der aussichtsreichsten Produkt-Sortimente in der Branche.

Aber der Baseler Konzern plant mit der Komplett-Übernahme seiner Mehrheitsbeteiligung Genentech derzeit die größte Übernahme weit und breit. Der Deal hat mit einem offerierten Preis von knapp 44 Mrd. Dollar für die restlichen 46 Prozent an Genentech selbst für eine Firma wie Roche eine beachtliche Dimension. Und diese größte Cash-Transaktion in der Geschichte der Pharmaindustrie soll nach den Plänen der Baseler im wesentlichen über Bankkredite von mehr als 30 Mrd. Dollar finanziert werden.

War bis vor wenigen Wochen noch völlig offen, ob die Roche-Offerte von 89 Dollar je Genentech-Aktie überhaupt ausreichen würde - das Genentech-Management hat sie als zu niedrig abgelehnt -, lautet inzwischen die entscheidende Frage, ob die Finanzierung auf den derzeit völlig ausgetrockneten Kreditmärkten überhaupt noch möglich ist.

Roche demonstrierte in dieser Hinsicht weiterhin Zuversicht. Doch unter Finanzmarkt-Experten wie auch bei den Genentech-Aktionären macht sich zurecht erhebliche Skepsis breit. Angesichts der Entwicklung in den vergangenen Tagen scheint es momentan fast ausgeschlossen, europäischen oder amerikanischen Banken mal eben 30 Mrd. Dollar Kredit abzuringen. Diese Einschätzung reflektiert nicht zuletzt die Bewertung der Genentech-Aktie, die zuletzt rund ein Zehntel unter der Offerte von Roche notierte und fast ein Fünftel niedriger als noch vor wenigen Wochen.

Für den Baseler Konzern ergibt sich damit die paradoxe Situation, dass man einerseits zwar über eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Preisforderungen des Genentech-Managements verfügt, andererseits aber in der Finanzierung womöglich ganz umdenken muss. Eine Alternative könnte in dem Versuch bestehen, Bankkredite durch die Emission von Anleihen zu ersetzen, eine andere in der Ausgabe von neuen Genuss-Scheinen oder Aktien. Letzteres wiederum würde die Kontrollmehrheit der Gründerfamilien in Frage stellen, was bei Roche bislang kaum vorstellbar ist.

Als dritte Variante bietet sich an, die Finanzkrise schlicht auszusitzen. Damit ist aber die Gefahr verbunden, dass der Deal zu lange in der Schwebe bleibt, zusätzliche Unsicherheit entsteht und zu viele entscheidende Köpfe Genentech inzwischen den Rücken kehren. So oder so wird der Genentech-Deal für Roche wohl ein Stück teurer und schwieriger als einst geplant.

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