Inside: RWE
Taktisches Gebot

Pünktlich zu seiner ersten Hauptversammlung hat der neue RWE-Chef Jürgen Großmann ein großes Thema gesetzt: Die 14 Milliarden Euro schwere Offerte, die der Energieversorger für den Nuklear-Konzern British Energy unterbreitet hat, dürfte den Aktionären in der Essener Gruga-Halle heute reichlich Diskussionsstoff liefern.

Denn die Offerte bedeutet, dass Großmann eine andere Strategie verfolgt als Vorgänger Harry Roels: Er agiert mutiger und aggressiver auf Europas Energiemarkt. Das hohe Gebot birgt schließlich beträchtliche Risiken. Allerdings - und das dürfte viele Aktionäre beruhigen - spricht viel dafür, dass RWE diese Summe nie wirklich auf den Tisch legen wird.

Großmann hatte schon zum Amtsantritt signalisiert, dass er die Vorsicht seines Vorgängers ablegen und sich nach Kaufgelegenheiten umschauen wird. Und das setzt er entschlossen um: In Russland stieg er in den Markt ein, in Belgien bewarb er sich - wenn auch erfolglos - für die Gasgesellschaft Distrigaz.

Strategisch macht das Interesse für British Energy Sinn. RWE ist Europas größter Emittent des klimaschädlichen CO2 und muss dringend die Klimabilanz aufbessern, weil durch immer schärfer werdende Auflagen Belastungen in Milliardenhöhe drohen. Dass Großmann versucht, als Ausgleich in erneuerbare Energien zu investieren und im Ausland Reaktoren zu bauen, ist richtig.

Eine Beteiligung an British Energy verspricht außerdem schnellen Erfolg. An dessen acht Standorten ist der von der britischen Regierung geplante Neubau am leichtesten durchzusetzen.

Aber lohnt der Aufwand? Muss man British Energy für 14 Milliarden Euro kaufen, um neue Atomkraftwerke zu bauen? Nein. Wer den Zuschlag erhält, hat zwar einen strategischen Vorteil. Auch ist der Preis auf den ersten Blick moderat - er entspricht dem Siebenfachen des Ebitda. Wer British Energy kauft, übernimmt aber auch Risiken. Die bestehenden Anlagen sind veraltet und ineffizient. Konkurrent Eon winkt deshalb ab.

Und was will ein Käufer letztlich mit den acht Standorten? Acht neue Anlagen bauen? Dafür wären noch einmal 16 Milliarden Euro fällig. Zudem dürfte die Regierung in London darauf achten, dass sich möglichst viele Versorger am Neubau beteiligen. Und schließlich gibt es auch noch andere Standorte.

Es spricht deshalb viel dafür, dass British Energy letztlich nicht komplett an einen Interessenten gehen wird. Entweder wird ein Konsortium den Zuschlag bekommen oder es wird Kooperationen für den Bau neuer Anlagen geben.

Das weiß Großmann, er verhandelt schon mit der britischen Centrica. Und er hat vom Aufsichtsrat auch strikte Vorgaben bekommen. Auf einen teuren Bieterwettstreit darf er sich nicht einlassen.

Großmanns Angebot ist deshalb im wahrsten Sinne des Wortes unverbindlich. Es ermöglicht ihm aber genauer in die Bilanz zu schauen - und am Ball zu bleiben, bis das Fell verteilt wird. Dass RWE letztlich 14 Milliarden Euro bezahlt, ist aber nicht zu erwarten.

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