Inside: Schefenacker
Ein Fall fürs Lehrbuch

Das Schicksal des Schwaikheimer Automobilzulieferers Schefenacker entscheidet sich am Freitag fernab der Heimat. In London treffen sich die Anleihegläubiger des weltgrößten Produzenten von Autorückspiegeln. Sie sollen der Umwandlung einer 200-Mill.-Euro-Hochzinsanleihe in fünf Prozent der Unternehmensanteile zustimmen. Verweigern sie das, ist eine Insolvenz unvermeidlich.

STUTTGART. Verweigern die Gläubiger die Umwandlung, gehen sie in jedem Fall leer aus. Das Unternehmen aus der schwäbischen Provinz würde unmittelbar in die Insolvenz gehen.

Zur Vorgeschichte: Im Jahr 2000 finanziert Schefenacker die Übernahme des britischen Rivalen Britax ausschließlich mit Fremdkapital und steigt durch die strategische Akquisition zum Weltmarktführer auf. Der Kauf gilt als Auslöser für die spätere Finanznot. Die Schuldensumme setzt sich aus einer Anleihe in Höhe von 200 Mill. Euro sowie Bankverbindlichkeiten von 250 Mill. Euro zusammen. Fünf Jahre später kaufen Hedgefonds Schefenackers Bankschulden auf. Im Oktober 2006 löst Reiner Beutel Hans-Joachim Lange als Firmenchef ab. Die Umschuldungsgespräche mit den Hedge-Fonds laufen. Keine zwei Monate später überwirft sich Beutel mit Eigentümer Alfred Schefenacker und muss gehen. Der Unternehmensberater Stephen Taylor übernimmt.

Kurz vor dem Treffen in London gibt sich Taylor entspannt. Er habe alles getan, jetzt liege es an den Anleihezeichnern. Es wäre schwer genug gewesen, den vorrangigen Gläubigern überhaupt die fünf Prozent für die Bond-Zeichner abzutrotzen. Seit Monaten wird an dem Umschuldungsplan gefeilt. Der bisherige Firmeneigentümer Alfred Schefenacker Junior soll noch ein Viertel der Anteile behalten. Die Hand auf dem Unternehmen haben die vorrangigen Gläubiger meist Hedgefonds, die insgesamt 70 Prozent des Unternehmens bekommen sollen. Denn diese Gläubiger können mit der Vollstreckung ihrer Ansprüche drohen, seit Schefenacker die Kreditbedingungen nicht mehr erfüllt. Käme Schefenacker unter den Hammer, dann würden wohl nur die 250 Mill. Euro der vorrangigen Gläubiger bedient werden können. Die Anleihegläubiger fühlen sich erpresst. Der Ausgang des Treffens am Freitag ist völlig offen. Viele wollen in jedem Fall dagegen stimmen, einige sogar klagen. Das wird aber kaum reichen. Stimmen insgesamt weniger als 25 Prozent des anwesenden Kapitals dagegen, dann ist der Umschuldungsplan durch. In Deutschland hätte das Veto eines Gläubigers gereicht, um die Umschuldung zu kippen. Deshalb schaut die Branche und die Zunft der Insolvenzrechtler gebannt auf Schefenacker.

Das Unternehmen hatte kurzfristig eine Holding gegründet und den rechtlichen Firmensitz nach London verlegt. Die britischen Insolvenzregeln sind der Grund für die Verlagerung. Hat Schefenacker damit Erfolg, könnte diese recht einfache Umgehung des deutschen Insolvenzrechts Schule machen. Wenn das so wäre, könnte sich die Bundesregierung veranlasst sehen, erneut das Insolvenzrecht zu ändern.

Für das Unternehmen selbst gibt es kaum eine Alternative. Es ist ohnehin erstaunlich, dass die Hängepartie über ein halbes Jahr dauern konnte. Und hätten die Autokonzerne nicht mitgespielt, wäre Schefenacker sicher schon längst zusammen gebrochen. Aber ohne Rückspiegel kann kein Auto ausgeliefert werden. Andere Mittelständler schütteln über Schefenacker nur den Kopf. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Firmeneigentümer durch eine schlecht finanzierte Übernahme sein Erbe verspielt und dabei Anleger schädigt - Ab Freitag ist es vielleicht auch ein Fall fürs Lehrbuch des Insolvenzrechts.

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