Inside: Scottish & Newcastle
Dänische Avancen

Nicht einmal die Kreditkrise, die das Fusionsgeschehen fast völlig zum Erliegen gebracht hat, kann diesen Flirt stören. Ein Zusammenschluss von Carlsberg und Scottish & Newcastle ist eine der ganz wenigen Spekulationen, an denen sich die Börse noch freuen kann. Auf den ersten Blick passen die beiden nordeuropäischen Brauriesen auch gut zusammen.

LONDON. Beide sind etwa gleich groß und haben schon eine gemeinsame Tochter, die Baltic Beverages Holding (BBH) in Russland. Doch der Bräutigam redet wie in einer Filmkomödie viel und tut wenig, und die Braut überlegt, ob sie nicht langsam beleidigt sein sollte.

Nach ersten Annäherungsversuchen hat Carlsberg im Mai mit einer Satzungsänderung die Voraussetzungen für die Ehe geschaffen. Die von einem Fünferrat aus Professoren kontrollierte Carlsberg-Stiftung hat ihren Aktienanteil an dem skandinavischen Brauriesen von 51 auf 25 Prozent reduziert, praktischerweise aber 51 Prozent der Stimmrechte behalten. Damit ist die Kriegskasse gefüllt, doch die Initiative muss von den Dänen ausgehen. Scottish & Newcastle registriert die Avancen aus Kopenhagen, würde aber langsam gerne mal was Konkretes sehen. In typisch britischer Manier wäre man bereit, über das unfaire Manöver mit den Stimmrechten hinwegzusehen, wenn denn der Kaufpreis stimmte.

Analysten kalkulieren, dass ein Gebot von acht Pfund je Aktie gegenüber dem aktuellen Kurs von gut sechs Pfund reichen würde. Da wäre S&N rund elf Milliarden Euro wert. Ist der Braukonzern das wirklich? Im Moment bewertet die Börse S&N trotz der Übernahmespekulationen niedriger als die Branche. Lehman Brothers errechnet ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,1 gegenüber 16,4 im Branchendurchschnitt für das erwartete Ergebnis 2008. Bei acht Pfund je Aktie läge das KGV dann jedoch bei 20.

Zu der britischen Braugruppe gehörten vorübergehend die Freizeitparkkette Center Parcs, die Hotelkette Thistle und Whisky-Brennereien. Doch S&N hat sich längst aufs Bier konzentriert. Als Nummer sechs weltweit und Nummer vier in Europa ist der Konzern zwar ein Schwergewicht, aber in der globalen Konsolidierungslogik allein auf Dauer nicht groß genug. Darum hat die Börse in den vergangenen Monaten über eine Reihe potenzieller Käufer spekuliert, darunter auch über den Brauriesen SAB Miller.

Für Carlsberg als Käufer spricht, dass die Dänen das schnell wachsende Russlandgeschäft mit der Tochter BBH bereits kennen. Die führende Braugruppe Russlands mit Wachstumsraten von über 30 Prozent ganz zu besitzen, wäre viel wert. Sie ist schließlich auch im Baltikum, in Kasachstan und der Ukraine stark vertreten. BBH macht 17 Prozent des Umsatzes und 29 Prozent des Betriebsgewinns von S&N aus. Ein weiterer Wachstumsträger ist der Anteil an United Breweries, dem größten indischen Braukonzern. Außerdem sind die Schotten am fünftgrößten Brauer Chinas beteiligt.

Der Rest des Konzerns ist vergleichsweise wachstumsschwach, doch S&N ist Marktführer in Großbritannien und Frankreich und verfügt über zugkräftige Marken wie „Foster’s“ und „Kronenbourg“. Der verregnete Sommer auf diesen Hauptmärkten ist für Carlsberg eine Chance: Er wird das Ergebnis des laufenden Jahres bei S&N deutlich belasten und hat bereits in den vergangenen Monaten den Aktienkurs gedrückt. Im kommenden Jahr stehen hingegen die Fußball-Europameisterschaften an. Bei besserem Wetter könnte S&N da angesichts des sehr schwachen Vergleichsjahres ansehnliche Wachstumsraten hinlegen und die Börsenbewertung wieder ordentlich hochtreiben. Lange warten sollte der dänische Bräutigam also nicht.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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