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Shell: Der Cash-Multi

So wie Royal Dutch Shell wäre wohl jeder gerne in die schlimmste Krise seit Generationen gegangen. Praktisch schuldenfrei, mit einer Serie von Rekordgewinnen im Rücken und einem ansehnlichen Portfolio an vielversprechenden Projekten an Bord, steuert Europas größter Konzerntanker in den Sturm.

Als Demonstration der Stärke erhöhte Shell zu Jahresanfang sogar noch einmal die Quartalsdividende um fünf Prozent, obwohl der tiefe Fall des Ölpreises den Cash-Flow empfindlich gedämpft hat.

Mitte des Jahres übergibt der für Sparsamkeit bekannte Konzernlenker Jeroen van der Veer das Steuer an den Finanzchef Peter Voser – das bürgt für Kontinuität. Die Berufung des Finanzmanns an eine Position, die sonst in internationalen Ölkonzernen Ingenieure bekleiden, ist ein klares Signal: Shell will auch weiterhin in erster Linie Cash und erst in zweiter Linie Öl und Gas produzieren. Produktionswachstum ist für Shell kein Ziel an sich.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Schließlich wird Shell 2009 das siebte Jahr in Folge weniger als im Vorjahr fördern, trotz der zuletzt höchsten Investitionen der Branche. 2010 könnte ein weiteres Jahr mit schrumpfender oder stagnierender Produktion folgen, und für die Jahre danach verspricht der Vorstand gerade mal zwei bis drei Prozent plus. Investitionen von derzeit mehr als 30 Milliarden Dollar im Jahr schaffen Optionen für künftiges Wachstum, doch Shell macht ausdrücklich von der Entwicklung der Kosten und der Ölpreise abhängig, ob und wann es sie nutzen wird.

Keine Kompromisse macht der Konzern hingegen bei der Dividende. Er nimmt sogar eine steigende Verschuldung in Kauf, um die Summe von rund zehn Milliarden Dollar aufzubringen. Voser sagte, dass das Gearing, definiert als Anteil der Nettoschulden an der Summe von Nettoschulden plus Eigenkapital, im laufenden Jahr von sechs auf über 20 Prozent steigen würde, wenn man die gegenwärtigen Ölpreise und sonstigen Rahmenbedingungen fortschriebe. Das sei noch immer sehr komfortabel.

Auch die steigenden Belastungen durch Defizite in den betrieblichen Pensionskassen kann Shell so absorbieren. Auf 8,3 Milliarden Dollar bezifferte der Konzern die Lücke, die durch den Kursverfall an den Finanzmärkten verursacht wurde. Zusätzlich zu den ein bis zwei Milliarden Dollar, die er im Jahr in die Kassen einzahlt, rechnet er mit einer Sonderzahlung von fünf bis sechs Milliarden Dollar.

Mittelfristig rechnet Shell, wie die großen Konkurrenten auch, mit wieder steigenden Öl- und Gaspreisen. Je schneller sie anziehen, desto weniger muss der Konzern Schulden aufnehmen, um die Rezession zu überbrücken. Wenn der Aufschwung kommt und die Ölnachfrage wieder anzieht, dann könnten die Preise rasch kräftig steigen.

Shell ist dann in einer guten Position, um vom Aufschwung zu profitieren. Das aus Klimaschutzgründen für die Stromproduktion gefragte Gas macht bald mehr als die Hälfte der Produktion aus. Auch die Ausfallrisiken hat Shell reduziert: Die meisten neuen Projekte finden sich in politisch stabilen Staaten.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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