Inside: Siemens
Latte höher legen

Wie regiert man ein Reich, indem die Sonne nicht untergeht? 400 000 Menschen in 190 Ländern der Welt arbeiten für Siemens. Nur wenn sie klare Vorgaben erhalten, wird aus dem Reich ein erfolgreicher Konzern. Peter Löscher, seit vier Monaten Siemens-Chef, will das Reich von den Schatten der Vergangenheit befreien.

MÜNCHEN. Technologisch führend, aber schwerfällig war Siemens bisher, global vertreten aber eben auch intransparent. Und bisweilen sogar korrupt. Eines hat Löscher geschafft: Die Schmiergeldaffären sind vorerst aus den Schlagzeilen verschwunden. 200 Millionen Euro Strafe plus 170 Millionen Steuernachzahlung akzeptierte der Konzern, damit ist das Thema zumindest in Deutschland vom Tisch. Eine Imagekampagne soll Kunden, Aktionären und vor allem Mitarbeitern signalisieren, dass Schmiergeld und Siemens noch nicht einmal phonetisch zueinander passen.

Und noch einmal geht der Blick zurück. Löscher legt an diesem Donnerstag die Jahresbilanz vor. Das Zahlenwerk wird zeigen, dass die Strategie von Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld aufgeht. „Megatrends“ nannte Kleinfeld den globalen Hunger nach Energie und Mobilität, nach persönlicher Gesundheit und sauberer Umwelt. Nie zuvor verkaufte Siemens mehr Kraftwerke, Kernspintomographen oder Kläranlagen. Kleinfeld hatte begonnen, Siemens genau entlang dieser Wachstumsfelder aufzustellen. Er ist nicht über die Megatrend-Strategie gestolpert, sondern im Strudel der Schmiergeldaffären mitgerissen worden.

Die Affären hatten ihren Nährboden in Strukturen, die sich jahrzehntelang in dem Weltkonzern ausbreiten konnten. Schattenhierachien hatten sich vor allem in den Ländergesellschaften gebildet, und diese waren die Wirtstiere von Wildwuchs und Korruption.

So sieht die neue Unternehmensstruktur, die Löscher am 28.November dem Aufsichtsrat vorlegen will, vor allem die Entmachtung der Ländergesellschaften vor. „Vorfahrt für die Zentrale“, heißt das Prinzip, das ab dem kommenden Jahr rund um den Siemens-Globus gelten soll. Das mag ein Murren aus allen Himmelsrichtungen provozieren, doch der neue Siemens-Chef kann sich der vollen Rückendeckung sicher sein. Neben Aufsichtsratschef Gerhard Cromme haben auch die Arbeitnehmervertreter laut und deutlich Zustimmung signalisiert.

Auch in der Zentrale wird Siemens fokussiert. Denn die bisherigen neun Konzernbereiche mit ihren unzähligen Stäben und Zwischenhierachien werden künftig in drei mega-trendigen Einheiten aufgehen: Energie, Industrie und Gesundheit. Die neue Siemens-Matrix passt auf einen Bierdeckel, lautet die Botschaft, und die ist global sehr gut vermittelbar.

Die neue Struktur dürfte nicht nur Jobs im mittleren Management überflüssig machen. Sie gibt Peter Löscher auch die Gelegenheit, die Renditeziele seines Vorgängers zu überarbeiten. Der hatte erst im April das Profitabilitätsprogramm „Fit for 2010“ in die Welt gesetzt. Dieses schlage gut an heißt, es im Siemens-Umfeld, bisweilen gar besser als erwartet. Will Löscher erneut aufkommende Selbstzufriedenheit verhindern, müsste die Latte wie beim Hochsprung wieder ein wenig höher gelegt werden. Noch aber ist es nicht soweit, die Hauptversammlung Ende Januar scheint ein geeigneter Termin.

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